Von Marianna Butenschön

Auf der Berliner Mauer, gleich hinter dem Reichstag, stand lange eine Inschrift: „Latviju Latviešem!“ – „Lettland den Letten!“ Dainis Ivans, Vorsitzender der Lettischen Volksfront Tautas fronte, hätte sich die Losung am liebsten aus dem grauen Beton herausgemeißelt. „Die gehört nach Riga, ins Museum“, sagte er kürzlich bei einem Berlin-Besuch, „damit wir uns immer an unsere Unfreiheit erinnern.“ Lettland aus der Unfreiheit in die staatliche Unabhängigkeit zurückzuführen, das hat sich die Volksfront vorgenommen. „Wir wollen die Unabhängigkeit“, erklärt Ivans, den sie zu Hause „das Gewissen Lettlands“ nennen, wie selbstverständlich, „weil das die logische Konsequenz der Perestrojka ist“.

Der Chef der Volksfront in Riga ist ein zurückhaltender, beinahe schüchtern wirkender Mann von 34 Jahren. Auf seinem weinroten Pullover trägt er diskret, aber unübersehbar die geographischen Umrisse Lettlands, hineingestrickt steht der Satz: „Saulus muzus Latvijai“ – „Lettland soll leben, solange die Sonne scheint.“ Ist Dainis Ivans ein Romantiker? Der Eindruck täuscht.

Dieser Mann hat aus der Lettischen Volksfront, die im Oktober 1988 als Massenbewegung zur Unterstützung der Perestrojka gegründet wurde, binnen Jahresfrist eine mächtige außerparlamentarische Opposition gemacht, die sich anschickt, das politische System Sowjetlettlands auf parlamentarischem Weg aus den Angeln zu heben: Bei den Wahlen zum Obersten Sowjet in Riga am 18. März rechnen die Volksfrontstrategen mit siebzig Prozent der Stimmen. Ein Wunschtraum?

„Nein“, sagt Dainis Ivans mit Verweis auf das Ergebnis der lettischen Regionalwahlen vom 10. Dezember vergangenen Jahres, als die Kandidaten der Volksfront zwischen siebzig und hundert Prozent der Stimmen errangen. Sogar in Riga, das mehrheitlich längst eine russische Stadt ist, brachte es die Volksfront auf 64 Prozent der Stimmen. „Das heißt, die lokale Macht liegt theoretisch bereits in unseren Händen“, folgert Ivans, „Jetzt kommt es darauf an, die örtlichen Regierungsorgane zu bilden und zu arbeiten. Wir haben ja keine praktische Erfahrung.“

Alle Volksfrontpolitiker in Riga, auch Dainis Ivans, sind politische Amateure. Doch weil das Baltikum seine „singende Revolution“ erlebte, lange bevor die „friedliche“ und „sanfte Revolution“ die maroden Systeme in der DDR und der Tschechoslowakei zerstörte, haben sich dort schon Gegenstrukturen herausbilden können, in denen fähige Männer und Frauen den Umgang mit der Macht erlernen. Auch Dainis Ivans ist eher gegen seinen eigenen Willen zum Politiker geworden. Seine Wahl zum Vorsitzenden der Volksfront bezeichnet er als „ziemlich unerwartet“. Das Leben habe ihn, so sagt er ohne Pathos, „gezwungen, diese Aufgabe zu übernehmen“.

Ivans, 1955 „als Kind einfacher Leute“ geboren – der Vater Berufsfahrer, die Mutter Buchhalterin –, kam schon während des Philologie-Studiums an der Rigaer Universität mit Andersdenkenden in Berührung, las Bulgakow, Pasternak und Solschenizyn und lernte in Moskau und Leningrad Untergrundkünstler kennen. Dort erlebte er einmal, wie eine verbotene Ausstellung gesprengt wurde, dort begegnete er in einer vom KGB gesprengten Wohnung zum ersten Mal Menschen, „die sich frei fühlen, ungeachtet der Gefahr, in der sie sich befanden“. Diese Erfahrungen haben ihn tief geprägt.