In der Dritten Welt nehmen Zivilisationskrankheiten erschreckend zu

Von John Maurice und Hans Harald Bräutigam

Es gab Zeiten, da waren die Direktoren der Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch voller Optimismus. „Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000“, hieß das ehrgeizige Ziel, das zwar immer wieder verkündet, dennoch von Fachleuten für unerreichbar gehalten wurde. Jetzt scheint etwas mehr Nachdenklichkeit die Stimmung unter den WHO-Mitarbeitern zu prägen. Evgueni Chigan, Leiter der WHO-Abteilung für nicht ansteckende Krankheiten, warnt vor den neuen tödlichen Risiken, die den Menschen in den Entwicklungsländern drohen: „Um das Jahr 2000 werden die typischen Zivilisationskrankheiten der Industriegesellschaften auch zur häufigsten Todesursache in den Entwicklungsländern werden.“

Die Weltbank und die WHO können diese düstere Voraussage mit Zahlen belegen: Jährlich sterben weltweit 18 Millionen Menschen an Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Schlaganfall oder Herzinfarkt. Hält der derzeitige Trend an, dann werden es in zehn Jahren mehr als 24 Millionen sein, die ihr Leben durch Zivilisationskrankheiten verlieren. Zwei Drittel davon allein in Entwicklungsländern.

In manchen Regionen läßt sich die tödliche Entwicklung bereits heute ablesen. Bis vor dreißig Jahren galten beispielsweise als Haupttodesursache in China Unfälle und Infektionskrankheiten. Seit 1980 sind Krebs und Schlaganfall an ihre Stelle getreten. Die Chinesen halten da einen traurigen Rekord: Sie sind nämlich nach den Feststellungen der WHO Weltmeister im Rauchen. Im Jahre 1989 qualmten sie über 1.573 Milliarden Zigaretten; das entspricht gegenüber 1970 einer Steigerung des Pro-Kopf-Konsums von 33 Prozent.

In anderen armen Ländern ist dies nicht anders. Über die Hälfte aller afrikanischen, südamerikanischen oder asiatischen Männer rauchen – mit steigender Tendenz. Das ruiniert nicht nur die Gesundheit, sondern auch den Geldbeutel. In Bangladesh, Indien und Thailand werden schätzungsweise zwanzig Prozent des Familieneinkommens für Zigaretten ausgegeben.

Die WHO hat die dafür Verantwortlichen bereits ausgemacht. Die internationale Tabakindustrie würde mit ihrer „skrupellosen und intensiven Werbekampagne“ Zigaretten so erfolgreich vermarkten. Der angesehene englische Epidemiologe Richard Peto glaubt, „daß von den heute unter Zwanzigjährigen über 50 Millionen vorzeitig durch den Tabakmißbrauch“ sterben werden.