Es ist ja kein Zufall gewesen, daß die Kolonisatoren die Zauberer, Sänger der Stämme umgebracht haben — weil sie die kulturelle Identität der Völker am Leben hielten (HansEckardt Wenzel) Und heute?

Viele werden kommen und sagen: Es ist nichts gewesen mit der Literatur dieses Landes DDR. Sie war klein, gefangen in der Provinz.

Schuld der Umstände, der Grenzen war das und Schuld ihrer Verfasser. Warum sind sie nicht außer Landes gegangen — wie andere? Warum haben sie nicht zum Sturm eines Regimes aufgerufen, das ihnen die Provinz aufzwang, Kollektivismus verordnete und die autonome Persönlichkeit deformierte? Vergessen wir diese Literatur! Kulturelle Identität des Volkes — was soll das sein? Nur noch Historiker werden sich künftig dafür interessieren. Ja, so werden viele reden.

Es ist schon recht — Provinz erzeugt Provinzialität. Und die ist erkennbar, sie besteht geradezu darin, daß sie sich deutlich zu erkennen gibt. Literatur der DDR gab sich zu erkennen. Zumeist durch Realismus. Sie wollte eingreifen, vor allem natürlich ins Bewußtsein: in die Wertvorstellungen, Weltbilder, in die Moral. Da hatte sie schon große Erfolge. 1983 ging das Magazin der Frage nach, wie sehen sich Männer und Frauen in der DDR, wie sehen sie einander.

"Renate, 52, Angestellte, kam in einem mehrstündigen Gespräch wiederholt darauf zurück, daß Männer nicht wirklich lieben können, erzählte aber nichts, was das belegen könnte. Schließlich fragten wir ganz direkt: Haben Sie so negative Erfahrungen gemacht? Nein Sie benennt schließlich die Quelle ihrer Erfahrung: "Ich denke zum Beispiel an diesen Bibliotheksdirektor in Buridans Esel Günter de Bruyns Figur wird ernst genommen: So sind die Männer.

Ist das nur Naivität, ungeübter Umgang mit Literatur, wiederum Provinz also? Denn in der Welt weiß doch jeder: Literatur ist nicht Wirklichkeit. Deshalb eben war ja DDR Literatur so unkünstlerisch, so — wie Marcel Reich Ranicki in seiner überaus kunstsinnigen Art von Christa Wolf sagte — baumwollen und kunstseiden, weil sie ungebührlich an der Wirklichkeit hing. Und die an ihr. Noch wo von Geschichte erzählt wurde, war Gegenwärtiges erkennbar — in Anspielungen, in den Motiven. Nun, da es den Aufbruch in die Freiheit gilt, sollten wir vorwärtsschauen, nicht zurück. So empfiehlt es beispielsweise Friedrich Dieckmann (im Neuen Deutschland vom 18 19. 2 ). Mit dem abgegriffenen Bild vom erneuten Stapellauf eines Schiffes "Lebendiges laßt uns lieben!" fordert er mit Goethe, indirekt suggerierend, das "verstorbene Zeug", das Gestrige sei wirklich nur noch wert, vergessen zu werden.

Wirklich? Und was soll an seine Stelle treten? bindlichkeit, wie Volker Braun auf einer Tagung in Pisa sagte. Alle werden alles schreiben können. Von welchem Gewicht wird es sein?