Franz, der Product-Manager, der die Ware „Winterurlaub in den Dolomiten“ verkauft, ist ein überaus moderner Mensch. „Du mußt einfach bloß ’ne milchig gefärbte Brille aufsetzen“, empfiehlt er, während er inmitten grüner Almwiesen auf einem Schneeband zu Tale wedelt, „’ne milchig getönte Sonnenbrille, und schon schaut alles so weiß aus wie gewohnt.“ In rasender Fahrt geht es hinab, vorbei am Mobiliar der schönen neuen Winterwelt: zunächst Batterien von Hochdruck-Schneekanonen, die so martialisch aussehen wie Weltkrieg-Zwo-Flaks, später bauchige, türkis eingefärbte Niederdruck-Schneekanonen der Marke Happy Snow, die eher an Omas Waschzuber erinnern.

Nun ist der Franz auch ein überaus verständnisvoller Mensch. Er versteht zum Beispiel, daß die altmodischen Gäste aus dem Flachland noch nicht alle so fortschrittlich denken können wie er selbst und deshalb noch immer Natur mit Natürlichkeit und Skifahren mit Schneefall verbinden. „Man muß dem Gast Zeit lassen, sich an das Neue zu gewöhnen“, sagt Franz. Den Menschen so zu konditionieren, daß er dem Naturgesetz mißtraut, demzufolge nur dann Schnee liegt, wenn es geschneit hat – das kann schon ein paar Jahre dauern. Und so wird die Skireise von Falcade nach Wolkenstein – im wärmsten Februar seit Menschengedenken – durch das Kunstschnee-Dorado der Alpen zu einer Tour der Unsicherheit. Auf jedem Gipfel muß Franz die Frage über sich ergehen lassen: „Sag mal, ist das nun Naturschnee oder Kunstschnee?“ Als ob das nicht schon längst einerlei wäre!

Die Fortschritte beim Psycho-Training für Touristen sind an den Übernachtungszahlen abzulesen: In der vergangenen Saison kamen wegen des Naturschneemangels siebzig Prozent weniger Skifahrer, in dieser Saison ist die Gästezahl fast konstant – obwohl es wieder partout nicht freiwillig schneien wollte. Zweifellos ein Achtungserfolg für die Werbung mit den Kanonen.

Sofern der Verzicht auf Skrupel und unangebrachte Gefühle gelingt, bietet ein schneeloser Winter dem Gast unerhörte Vorteile: keine verschneiten Zufahrten und geschlossenen Pässe, keine nassen Füße beim Spaziergang im Ort, die Chance von Mountain-bike-Ausflügen oder Klettertouren auf den sonnigen Südseiten und bei alledem auf den Pisten gleichbleibend ideale Verhältnisse im körnigen Kunstschnee.

Rein sprachlich müssen allerdings noch einige Mißverständnisse ausgeräumt werden. Das Wort „Kunstschnee“, gewiß eine perfide Erfindung von Umweltschützern, gilt es gegen „Kompaktschnee“ auszutauschen, weil sich Kunstschnee zu Kompaktschnee verhält wie Müllkippe zu Entsorgungspark. Gestylte Worte für eine gestylte Welt.

Neuerdings fällt freilich auch der Kompaktschnee mancherorts in Ungnade, da in ihm ein Körnchen Wahrheit steckt: Kompaktschnee ist nämlich kompakt. Für einen Kubikmeter Schnee braucht die Kanone fünfmal mehr Wasser als die Natur. Erlaubt sich die Natur ohne Einwilligung der Maschinenmeister einen Temperatursprung, ähnelt die weiße Kompaktmasse Beton: schlecht für den Gast, der Pulverschnee erwartet hat, noch schlechter für die Almwiese, die darunter abfault.

Keine Frage, das freundliche, gesunde, umweltverträgliche Image muß wieder her, weshalb die Avantgardisten der Happy-Snow-Bewegung künftig den Begriff „technischer Schnee“ in der Werbung plazieren wollen. Keine Künstlichkeit und keine Fäulnis mehr, nur noch moderne Technik.