Von Dorothea Hilgenberg

West-Berlin

Das Studium der Kunstgeschichte hat Gunnar Kleinecke abgebrochen, weil es mit dem wirklichen Leben zuwenig zu tun hatte. Von seiner jetzigen Aufgabe kann er das nicht mehr sagen: Als Chef der „ersten Mitwohnzentrale“ lernt er jede Menge Leute kennen. Zudem gibt ihm sein Geschäft das Gefühl, „wirklich etwas für das Zusammenwachsen der Menschen zu tun“.

Wie fünf andere Wohn-Vermittlungsagenten hilft Kleinecke nicht nur Westberliner Globetrottern, für die Monate ihrer Abwesenheit solvente Untermieter zu finden. Seit zu Silvester in seinem kleinen Laden in der Charlottenburger Sybelstraße die ersten Anfragen aus Ost-Berlin eingingen, wissen auch immer mehr Interessenten von drüben diesen devisenbringenden Service zu schätzen. Für harte Valuta bieten sie ihre spottbilligen Quartiere zur Untervermietung an: Wohnung und Zimmer, auch Häuser und Datschen im Grünen.

Durchreisende, Künstler, Journalisten und Monteure nutzen das Angebot, vor allem aber Kleinverdiener, Arbeitslose und Studenten, die auf dem leeren Westberliner Wohnungsmarkt keine Bleibe finden. Mehrere hundert Kommilitonen, schätzt das Berliner Studentenwerk, haben auf der anderen Seite der Mauer ihr Dach über dem Kopf und im Westen, bei Freunden oder Verwandten, eine Deckadresse. Erwischen lassen darf man sich weder hüben noch drüben. Wer universitäre Vergünstigungen genießen will, muß in West-Berlin gemeldet sein.

Da einigen Mitwohnzentralen Dauervermietungen in einem derart „rechtsfreien Raum“ suspekt und im Hinblick auf die Provision nicht sicher genug sind, werden von diesen überwiegend jungen Agenturen flächendeckend nur östliche Gästezimmer für Touristen angeboten – da spielen inzwischen auch die staatlichen Ämter mit. Das ständig wachsende Marktsegment der Dauermietobjekte teilen sich somit nur noch die Kreuzberger Mitwohnzentrale am Mehringdamm und Kleineckes Charlottenburger Büro. Während man in Kreuzberg täglich aktualisierte Computerlisten mit Vermieterangaben (Miete, Quadratmeter, Bad, Heizung, Möblierung, das gewünschte Geschlecht und Rauchgewohnheiten der künftigen Kundschaft) präsentiert, legt der Ex-Kunststudent größten Wert auf einen individuellen Service. Als einziger Mitwohnagent nimmt er jedes Angebot persönlich in Augenschein.

Der 28jährige Selfmademan notiert sich jede Besonderheit, denn die Nachfrage nach Unterkünften ist so vielschichtig wie die Zusammensetzung seiner westlichen Kundschaft. Ihn suchen Dienstreisende und Touristen auf, die für ein paar Tage oder Monate in das überfüllte West-Berlin kommen und aus Kostengründen immer häufiger in der anderen Stadthälfte übernachten wollen. Die Wirklichkeit auf dem östlichen Wohnungsmarkt hat ihn überrascht und wegen der ungeahnten Geschäftsperspektiven zugleich erfreut. Offiziell herrscht dort Wohnungsnot, aber Kleinecke schätzt, daß in einem Drittel der vom Staat subventionierten Wohnungen schon lange nicht mehr die eigentlichen Mieter leben: „Viele stehen leer, weil die Wohnungssteuerungsämter durch die Abwanderungswelle den Überblick verloren haben.“