Handlich in Format und Umfang (250 Seten), zweckmäßig in der Ausstattung präsentiert sich diese Edition der Braunschen „Texte in zeitlicher Folge“; neun Bände soll sie umfassen. Eine Studienausgabe für Braun-Exegeten? Wohl auch. Vor allem jedoch eine Leseausgabe für ein größeres Publikum. Wird sie es finden? Das alte, für Volkseigentum, also Demokratie engagierte, das Brauns Bücher seit je in Griffnähe hielt? Ein neues, das sich im Stimmengewirr der Umbruchszeit zu orientieren sucht?

Eine solche Ausgabe mit Texten, „die in der nämlichen Zeit entstanden und miteinander korrespondieren“, ist gerade bei diesem Autor sinnvol. Nicht nur deshalb, weil er in allen literarischen Genres gearbeitet hat. Sondern vor allem auch deshalb, weil zwischen Entstehen und Erscheinen seiner Texte oft viel Zeit verging. Das liegt zum einen daran, daß Braun – „Kommt uns nicht mit Fertigem“ – das leicht Fertige beargwöhnt. Nicht minder aber sind daran die zeitweiligen Siege der Zensur schuld, mit der sich der Autor in anhaltendem Kampf befand. Die Konflikte der Kultur- und Gesellschaftsentwicklung in der DDR waren so schon oft an den äußeren Umständen ablesbar, unter denen Brauns Arbeiten – entgegen der Chronologie des Entstehens – auf dem Buchmarkt oder dem Theater in die Öffentlichkeit kamen.

Manches in diesem Band Abgedruckte weckt vorrangig als literaturgeschichtliches Dokument das Interesse. Das Prosastück „Der Schlamm’ aber, 1959 geschrieben, 1972 veröffentlicht, hat seine Ausstrahlungskraft behalten. Braun war 1958/59 Tiefbauarbeiter in der „Schwarzen Pumpe“, wußte also, wovon er schrieb. Ein Schöpfungsmythos: Aus dem Schlamm soll Zukunft herbeigeschaufelt werden. Man erinnere sich: Die paradigmatischen Romane „Beschreibung eines Sommers“ von Karl-Heinz Jakobs und „Spur der Steine“ von Erik Neutsch erschienen 1961 beziehungsweise 1964; wie diese kündet Brauns Prosatext vom Pathos der Gründerzeit de-DDR. Zugleich ist er durchwoben von jener gesteigerten Empfindsamkeit, wie sie vom „Werther“ kommt; seltsame Mischung von Erwartung und Enttäuschung, wie sie wohl nicht nur aus unerfüllter Liebe herrührt. Zwei Zitate umreißen das Spannungsfeld, in dem sich Brauns Werk von Anfang an bewegt: „Die Arbeit, mit vielen und für viele, war alles, aus dem ich was werden konnte, mich entwickeln konnte.“ Und: „Alles, was wir tun, ist vom Mangel diktiert, alles geschieht noch nach nackter Notwendigkeit.“

Nicht allein das bessere, das andere, das ganze Leben sucht in Arbeits- und Redeschlachten der ungelernte Arbeiter Paul Bauch herbeizuzwingen, eine der markantesten Saft- und Kraftgestalten im Sturm und Drang der DDR-Literatur. Proletarisch Rüpelhaftes und kosmisch Visionäres, enthemmte Poesie und Philosophie, offene Strukturen („Shakespeare und kein Ende“) – das war Brauns umstrittener Einstieg in die Dramatik („Die Kipper“). „Hätten Sies nicht ne halbe Nummer kleiner, Braun?“ fragte damals der Rezensent des Eulenspiegel.

Die Hyperbel triumphiert auch in dem Gedichtband „Provokation für mich“. Ließ Reiner Kunze seinerzeit die Nachtigallen jubeln, so wird hier zu ihrer Schlachtung aufgerufen; Gedichte sind „Hochdruckventile im Rohrnetz der Sehnsüchte“. Doch schon im Erscheinungsjahr des Bandes kündigt der Autor selbst den Verkündigungen, wie eine „Notiz“ von 1965 verrät: „Ergebnis zehnjähriger Bemühungen. Offensichtlich: eine niedere Art Naivität (Borniertheit). Ignoranz. Mangel an Dialektik. Ein erledigtes Kapitel.“

Schließlich die „Notate“. Schon früh bezeichnete Braun als den aufwühlendsten Widerspruch den zwischen politisch Führenden und den Geführten („Es genügt nicht die einfache Wahrheit“). Diese Sicht wurde – ein Ausdruck eben dieses Widerspruchs – von führenden Politikern und Gesellschaftstheoretikern als Trotzkismus bekämpft (auch wenn in den Debatten der Begriff meist nicht fiel). Aus der die Demokratie immer stärker paralysierenden politischen „Arbeitsteilung“ bezog Braun seine literarischen Konflikte; in seiner Essayistik sucht er zu begründen, wie sie den Motor der Texte bilden, deren Struktur bestimmen müssen. „Eine große Zeit für Kunst?“ (ein nicht abgeschickter Beitrag zur Forum-Lyrikdebatte 1966): Die Antwort fällt bejahend aus, unter der Voraussetzung, daß Literatur den Sozialismus aus seinem Proto- oder Larvenstadium befreien hilft.

Und heute? „Eine große Zeit für Kunst?“ Welche Kunst und welche Zeit? Revolution, ihre Fortführung, oder Restauration? Der Sozialismus am Ende? „Was unsterblich im Gesang soll leben, muß im Leben untergehn“ (Schiller). Das wäre der idealische, der folgenlose Trost. Man muß nicht den Begriff verwenden, um auf die Sache zu stoßen: Fast alle Parteien, alt oder neu, haben das Soziale und das Ökologische auf ihre Fahne geschrieben. Meint das Soziale etwa nur die Schaffung eines sozialen Netzes für Arbeitslose? Und eine ökologisch orientierte Zukunft zu schaffen, ist das lediglich eine technologische Aufgabe, keine Veränderung der Produktions- und Lebensart? Das Nachdenken über menschenwürdiges Arbeiten und Leben ist kein erledigtes Kapitel.