Die sich die Bonner Politiker die Zukunft der DDR vorstellen, weiß in der Bundesrepublik jeder; sie verkünden es täglich. Wie sich die DDR-Bürger selbst ihre Zukunft wünschen, weiß in der Bundesrepublik kaum jemand. Die wenigen Berichte darüber sind meist entweder unverständlich oder parteigefärbt.

Das soeben erschienene Buch „Da wachste eines Morgens uff und hast ’nen Bundeskanzler“ des vor sechs Jahren aus der DDR geflüchteten Schauspielers und Autors Clement Wroblewsky versucht, dem Leser einen wenigstens ungefähren Eindruck von den dort herrschenden Vorstellungen zu vermitteln. Protokolle von neun Gesprächen mit DDR-Bürgern und Bürgerinnen (Arbeiter, Angestellte, Wissenschaftler, Gewerkschaftler und Schauspieler) geben einen Einblick in drüben existierende Hoffnungen, Ängste und Wünsche.

Das Buch ist „mit heißer Nadel gestrickt“. Die Dialoge sind (wohl absichtlich) kaum redigiert. Es kommt daher zu Wiederholungen, angerissene Gedanken werden nicht vertieft, Hintergründe nicht erläutert. Trotzdem ist es lesenswert, jedenfalls für solche Bundesbürger, die sich für das interessieren, was unsere „Brüder und Schwestern“ drüben denken.

Die Palette ihrer Vorstellungen ist weit gespannt. Sie reicht von tiefer Ratlosigkeit („Ich weiß ums Verrecken nicht, wen ich wählen würde“) bis zu blankem Zynismus („Sie glauben, sie bekommen das Modell Schweden, und bekommen die Türkei“). Neben Ablehnung von allem, was einmal war („Diese Gewerkschaft besteht immer noch aus meinen staatlichen Leitern“), findet sich auch Kompromißbereitschaft („Wenn die Partei das Land auf den Kurs bringt, warum nicht?“).

Auf eine Schlußfolgerung hat der Autor verzichtet. Sie soll der Leser ziehen. Darin liegt das Verdienst des schmalen und sicherlich nicht für die Ewigkeit bestimmten Bandes: Er veranlaßt uns zum Nachdenken über die „Brüder und Schwestern“ drüben und zum behutsamen Umgang mit ihnen. Und das ist gerade in der heutigen Zeit notwendig. Peter Grubbe

  • Clement Wroblewsky (Hrsg.):

Da wachste eines Morgens uff und hast ’nen Bundeskanzler

Wie DDR-Bürger über ihre Zukunft denken; Rasch und Röhring Verlag, Hamburg 1990; 239 S., 26,– DM