Von Martin Ahrends

An einem Samstag auf dem Detroit River Der Vergnugungsdampfer ist ausgebucht, man hat sich chicken mit Reis und Salat vom Buffet geholt, dann Obstsalat und Kuchen. – Jetzt darf getanzt werden. An Industriebauten und Hafenanlagen vorbei, die nicht so aussehen, als waren sie noch von Nutzen, vorüber an ausgedehnten Parkanlagen, an Motorbootanlegestellen, Wracks, die niemand bergen will, haben wir die Mundung in den Lake Saint Clair erreicht Der Dampfer wendet, und seinen Gasten wird bewußt, daß die halbe Vergnugungszeit um ist und daß man sich ranhalten muß, will man auf seine Kosten kommen

Die Band spielt den Motown-Sound, auch wenn die Titel nicht von den Supremes, den Four Tops, von Michael Jackson oder Stevie Wonder stammen Was man den Motown-Sound nennt, ist als musikalischer Stil kaum definierbar, weil es nicht mehr ist als ein Ton, eine Stimmung eine Lust an der Monotonie, an einem maschinenhaft durchgezogenen Schlag, an immer wiederkehrenden melodischen Floskeln, die in sich kreisen, ohne auszubrechen.

Da ist nichts Süßes, nichts Schmelzendes, nichts Sentimentales, aber auch kein Glanz, es sei denn metallische Kalte. Es ist Arbeits-Musik, Musik, die im Fließtakt arbeitet; auch die Sängerin der Dampfer-Band singt und tanzt es vor, wie gut man funktionieren muß, um in dieser Stadt dazuzugehören

Es darf getanzt werden, als erster und ohne jede Scheu kommt einer aufs Parkett geschlingert, den man den Prototyp des amerikanischen Tanzbaren nennen konnte. Er ist mollig und ganz aus Gummi, die Knie federn, die Hüfte rotiert, mit den dicken Fingern bastelt er an luftigen Armaturen, und sein Mund macht „dum-de-dum“.

Der Tanzbar dreht sich auf weichen Gummisohlen, das Oberdeck schaut zu und schmunzelt, er tanzt auf eine komische Art zu gut, seine sehr ökonomischen, runden Bewegungen sind nicht besonders schon, sie scheinen aber ganz muhelos zu sein und irgendwie zu „stimmen“. Man belächelt diesen Mann, wie man den Fließbandarbeiter bewundernd belächeln wurde, der einen Kotflügel im Halbschlaf montiert

Auf dem Vordeck stürmt es, warmer, feuchter Wind verweht die Frisuren und die gestärkten Sommerkleider. Mit heulenden Motoren zischen zwei Wassermotorrader vorbei, ein Motorboot jagt vorüber, hat so viel Kraft im Propeller, daß es sich bei jeder Welle hoch aufbaumt Kein Segler, kein Paddler, kein Ruderboot Motown hebt die Motoren.