Von Gunhild Freese

Es war alles so gut eingefädelt: Die vier bundesdeutschen Großverlage Springer, Gruner + Jahr, Burda und Bauer wollten mit der Post der DDR gemeinsame Sache machen. Um ihre eigenen Presseerzeugnisse, aber auch die ihrer westdeutschen Konkurrenten an die ostdeutschen Leser zu bringen, wollten sie ein Vertriebsnetz in der DDR aufbauen. Und damit sie sich nicht gegenseitig ins Gehege kämen, sollte jedes der vier Verlagshäuser ein abgegrenztes Gebiet beackern. Doch kurz vor dem Start vor einigen Wochen war schon wieder alles zu Ende: Der Runde Tisch, der in der DDR bis zur Wahl am 18. März die Regierungsgeschafte betreibt, mißtraute so viel Machtzusammenballung.

So ganz von allein indes waren die in Markt- und Machtpolitik noch ungeübten DDR-Politiker den schönen Planen der westdeutschen Großverlage nicht auf die Schliche gekommen. Mitarbeiter der DDR-Ministerien, schon langer in engem Kontakt mit dem Bonner Wirtschaftsministerium und dem Bundeskartellamt in Berlin, hatten dem Runden Tisch die Bedenken des Bundeskartellamtes gesteckt. Das schöne Kartell ist zwar geplatzt, aber seit Mittwoch vergangener Woche organisieren die Westverlage auf eigene Faust den Vertrieb ihrer Blatter in der DDR – noch bevor sich DDR-Pressegrossisten auf die eigenen neuen Möglichkeiten besinnen konnten.

Die Essener Karstadt AG ging von Anfang an vorsichtiger vor. Sie meldete die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit dem Volkseigenen Betrieb (VEB) Centrum vorsorglich beim Bundeskartellamt an. Da es sich zunächst nur um "technische Zusammenarbeit", wie ein mögliches gemeinsames EDV-System, handelt, hatten die Wettbewerbshüter keine Bedenken.

Westdeutsche Konzerne stehen in den Startlochern, das fremde Land DDR zu erobern und sich in der jungen Marktwirtschaft eine gute Ausgangsposition zu verschaffen. Der Frankfurter Warenhauskonzern Hertie etwa beliefert ostdeutsche Centrum-Warenhäuser mit Unterhaltungselektronik. Kaiser’s Kaffeegeschaft, ein Tochterunternehmen des Mulheimer Großfilialisten Tengelmann, beliefert Läden in Ost-Berlin mit Nahrungsmitteln, Süßigkeiten und Kaffee. Die Schleswig-Holsteiner co op-Genossenschaft schloß mit dem Verband der Konsumgenossenschaften der DDR ein Kooperationsabkommen, das die Einrichtung von Läden im Osten, die Schulung von Fuhrungskräften und gegenseitige Warenlieferungen umfaßt. Selbst der noch auf Sanierungskurs fahrende Frankfurter co op-Konzern streckte seine Fühler gen Osten aus: Die Westberliner co op-Tochter Bolle liefert Obst und Gemüse in sieben Märkte der Konsumgenossenschaft Berlin-Ost.

Auch die heimische Autoindustrie steuert Ziele in der DDR an. Der Wolfsburger VW-Konzern will beim Trabi-Produzenten Ifa einsteigen, Opel verhandelt mit dem Wartburg-Bauer, und Daimler-Benz sondiert im Lkw-Werk in Ludwigsfelde.

Die Deutsche Lufthansa mochte gern über eine Beteiligung die Ost-Linie Interflug enger an sich binden. Das private Hamburger Versicherungsunternehmen Hanse-Merkur ist schon ein gutes Stuck weiter: Mit der Ostberliner forum Handelsgesellschaft, die die Intershop-Devisenläden betreibt, wurde eine Finanzdienstleistungsgesellschaft gegründet. Unternehmensziel: der Vertrieb von Versicherungen sowie die Vermittlung von Bausparverträgen.