Alle sind sie für die Einheit, aber von Opfern für dieses Ziel wollen nur wenige etwas wissen. Das ist, auf einen kurzen Nenner gebracht, das Resultat einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach (siehe Seite 3). Immerhin 69 Prozent der Westdeutschen sprechen sich für die Wiedervereinigung aus, aber nur 24 Prozent halten sich für opferbereit; selbst unter den Anhängern der Vereinigung findet sich nur ein Drittel, das sich die Sache etwas kosten lassen will.

Man kann dieser schnöden Haltung auch positive Züge abgewinnen: Die Deutschen sind eben keine trunkenen Nationalisten, die ihre Einheit um jeden Preis fordern. Anderes wirkt durchaus natürlich, zum Beispiel die Tatsache, daß die Jüngeren besonders emotionslos an die nationale Frage herangehen.

Allerdings handelt es sich längst nicht mehr darum, ob wir die Einheit wünschen oder ausschlagen sollen, sondern nur noch darum, wie wir sie vernünftig und solidarisch gestalten. Gemessen an dieser Aufgabe, wirkt die Einstellung der Westdeutschen bedrückend. Sie läßt ahnen, wie hart die Verteilungskonflikte ausfallen werden – nicht nur zwischen uns und der DDR, sondern auch in der westdeutschen Gesellschaft. Und sie zeigt das Versagen unserer politischen Führung.

Denn die Haltung der Bürger entspricht nur zu genau derjenigen unserer Politiker: Alle reden sie von der Einheit, doch die Preisschilder wagt niemand vorzuzeigen. Führung aber heißt, Vorgaben zu machen, den Wählern die Herausforderungen wie die realistischen Lösungen zu erklären, nicht jedoch, ihnen die nötigen Anstrengungen zu verschweigen. Statt dessen schleichen die Politiker aller Parteien feige den um ihren Besitzstand fürchtenden Wählern hinterher. Wer schwört, dies sei die Stunde der nationalen Solidarität, zugleich aber versichert, Steuererhöhungen werde es niemals geben, macht sich unglaubwürdig: Solidarität ist ohne Opfer schlechterdings undenkbar. Und wer so tut, als brauche man den Übersiedlern nur die Hilfen zu streichen und schon sei das Problem gelöst, der streut den Leuten Sand in die Augen. Kohl oder Lafontaine, Union oder SPD – vorerst braucht man da die Hand nicht umzudrehen.

Bisher diente das Warten auf die Wahlen in der DDR als billiger Vorwand, sich konkreten Antworten zu entziehen. Spätestens nach dem 18. März müssen die Angebote auf den Tisch, muß ein Nationalfonds auf die Beine gestellt werden. Nicht der Nationalismus wird angesichts der Einheit unser Problem, sondern der Egoismus. Und: Solidarität gegenüber der DDR setzt Solidarität in der Bundesrepublik voraus. Dies in der öffentlichen Debatte offensiv und verantwortlich zu vertreten, haben die Politiker bisher versäumt, ja verhindert. Das Ergebnis zeigt sich nicht zuletzt in den Umfragen. R.L.