Von Simone Bergmann

Etwas stimmt nicht mehr im Land des schönen Scheins. Auf den Modemessen sieht man neuerdings viele mißmutige Gesichter. Den einst gefeierten Designerstars geht es an den Kragen; Künstler seien sie, warf man ihnen vor, die im Elfenbeinturm leben, Traumtänzer, die immer gleich ihre Seele über den Laufsteg flattern lassen. Wer will die Kleider, die dabei herauskommen, noch tragen? Ist Mode nicht völlig aus der Mode?

In der Tat, der Umsatz der Luxus-Schneider stagniert. Die Schule des hohen Designs liegt nicht mehr im Trend. „Frauen sind nicht mehr an diesem oder jenem Designer interessiert“, hat die englische Modemacherin Katharine Hamnett festgestellt. Zwar werde es immer Mode geben, doch funktioniere sie wie ein Pendel: „Von der Klamotte ging es zu Chanel, und nun geht es zurück zur Klamotte“, sagt sie und verhehlt nicht, daß sie die Situation zu nutzen gedenkt.

Um vorzustoßen in die bröckelnde Front der großen Designernamen, präsentierte Katherine Hamnett im vergangenen Herbst ihre Kollektion zum ersten Mal auf Pariser Boden. Eine Frau, die weiß, was sie will. Während sie das Ziel eines eigenen Modeimperiums fest ins Auge faßt, kokettiert sie zeitgeistgerecht mit ökologischen Themen, spricht von Solarenergie und von der notwendigen Wiederaufforstung der Wälder. Sie hat erkannt, daß „die Schränke der Leute voll sind mit Kleidern“, und prophezeit der Branche Konsumverzicht: „Die grüne Bewegung bedeutet doch, daß die Leute weniger haben wollen.“ Schließlich, meint Katherine Hamnett, könne eine Frau in einem abgeschnittenen T-Shirt dasselbe tun wie in einem Balenciaga-Gewand ...

Ihre Chancen sieht sie dadurch freilich nicht geschmälert, denn: „Im Grunde kaufen Leute sich Kleider, um sich verführen zu lassen.“ Was sie unter „Verführung“ versteht, hat ihr Publikum auf der Show im Cirque D’Hiver begutachten können. Da schickte sie blonde und schwarzhaarige Sirenen auf die Bühne, ließ sie in pastellfarbenen Audrey-Hepburn-Kleidchen ihre Runden drehen, manche mit einem dunkelhäutigen Chauvi als Handtäschchen am Arm, anfangs hölzern und mit blasierten Gesichtern, bis es nach einer Weile zu knistern und zu prickeln begann: Die Herrschaften entpuppten sich als feurige Discotänzer; ein heißer Auftritt nach dem anderen, man bewegte sich zu dritt, zu zweit, allein, umschwärmte seinen Partner, wackelte mit allem, was am Körper beweglich ist – bis der Tanz unvermittelt abbrach, die Verführerin ihren Galan hinwegscheuchte wie eine lästige Fliege.

Die Show riß manchen Zuschauer vom Sitz. Aber die Mode? Mit Absicht war ihr nur eine Nebenrolle zugewiesen in diesem Spiel. Es braucht nicht viel, um sich im neuen Look der Katharine Hamnett zu kleiden: nur ein Paar dieser blickdichten Strümpfe mit Glanz und ein kurzes Minikleid aus Stretch mit Spitzenbesatz am Busen. Oder einen kurzen Hosenanzug, der so knapp ist, daß er wahlweise auf die Tanzfläche oder in die Badeanstalt paßt.

Aerobic- und Fitneßwelle schlagen sich jetzt auch in der Mode nieder. Wo in den achtziger Jahren noch die Phantasie das Design beherrschte, bestimmt jetzt der Körper die Form. Das erklärt den Erfolg von Stretch. Kein Stoff modelliert die Rundungen so plastisch wie dieses Material. 1987 verkaufte die französische Firma Kookai 17 000 Modelle aus Stretch. 1988 waren es schon 80 000. Der Textilgigant Du Pont de Nemours investiert 500 Millionen Dollar in seine europäischen Firmen, um die Produktion von Lycra zu verdoppeln. Weltweit steigt die Nachfrage nach diesem federleichten Material. Der Grund liegt auf der Hand: Während man zum Beispiel einen Rock aus Flanell noch in verschiedenen Größen herstellen muß, paßt sich Stretch jeder Körperform an.