Jan Antosik, Sprecher der Obersten Kontrollkammer (NIK), hegt keinen Zweifel. Früher, als nur Kommunisten in Polen das Sagen hatten, hätte sein brisantes Papier den Stempel "Geheim" erhalten, oder, was noch wahrscheinlicher ist, hochgestellte Genossen hätten sein Entstehen gar nicht erst zugelassen. Denn wo die Nomenklatura ihren zwielichtigen Geschäften nachging, da hatten noch bis vor kurzem NIK Inspektoren nichts zu suchen.

Da gibt es zum Beispiel den beeindruckenden Aufstieg der Igloopol GmbH. Die Firma, ein schier undurchdringliches Geflecht von Gärtnereien, Maschinenbaubetrieben, Handelsketten, Baufirmen, Reparaturwerkstätten hatte in ihrer kurzen Blütezeit 35 000 Angestellte, erwirtschaftete für polnische Verhältnisse atemberaubende Gewinne, wurde in Zeitungen und Fernsehen bejubelt — bis sich herausstellte, daß der stellvertretende Landwirtschaftsminister gleichzeitig den Posten des Igloopol Geschäftsführers innehatte. Das Erfolgsrezept des Ministers hätte nicht einfacher sein können: Er gewährte dem Unternehmen, an dem er beteiligt war, riesige Steuernachlässe. Journalisten, die dem Skandal auf der Spur waren, wurden mundtot gemacht; ein Abteilungsleiter im Zentralkomitee der damals noch allmächtigen KP, der gegen solche Praktiken protestierte, verlor seinen Job. Höhergestellte NomenklaturaPaten von Igloopol und zugleich stille Teilhaber handelten schnell. So konnte das zwielichtige Unternehmen gedeihen, bis die Regierung Mazowiecki, seit September 1989 im Amt, alle von Igloopol erschlichenen Vergünstigungen streichen ließ. Heute steht die Firma vor dem Bankrott Abgesehen vom Dollarkurs und den steigenden Preisen gibt es kein Thema, das die Polen heute mehr aus der Fassung bringt als die dreiste Art, wie sich die immer noch in den meisten Betrieben fest im Sattel sitzende Nomenklatura große Teile des Volksvermögens unter den Nagel reißt. NIK, etwa mit dem bundesdeutschen Bundesrechnungshof vergleichbar, untersteht dem Parlament, und dort sitzen jetzt Solidarnosc Abgeordnete vom Schlage eines Jerzy Dyner. Schon während des Wahlkampfes, erzählt Dyner, haben ihn aufgebrachte Bürger ständig auf die unerträglichen Zustände hingewiesen. Der stämmige Gewerkschaftsfunktionär aus der Warschauer FSOAutomobilfabrik versprach damals, rasch zu handeln, und er hielt Wort. Im September vorigen Jahres bekam NIK den Auftrag, endlich das Dikkicht aus Korruption, Betrug, Diebstahl und Amtsmißbrauch durchzukämmen. Das Ergebnis der Nachforschungen liegt nun vor.

Wieder einmal hat sich gezeigt, daß der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist, sagt Hanna Sawecka, Justitiarin im Industrieministerium. Frau Sawecka leitet ein Team von Fachleuten, die an Gesetzesvorlagen zur Beseitigung der schlimmsten Übel arbeiten. Eine schwierige Aufgabe. Es geht darum, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten und durch rigorose Verbote und Kontrollen die vor einem Jahr eingeführte Gewerbefreiheit wieder abzuschaffen. Im Dezember 1988 und Februar 1989 hatte das damals noch der Nomenklatura sehr willfährige Parlament (die Gespräche am Runden Tisch hatten gerade begonnen) mehrere Gesetze verabschiedet, die das starre Korsett der Planwirtschaft wesentlich lockerten und den bisher von Warschau aus mit kleinlichen Vorgaben geplagten Staatsbetrieben mehr Spielraum verschafft. Sie erhielten das Recht, Teile des Betriebes zu verkaufen oder zu verpachten. Gleichzeitig wurde das aus dem Jahre 1934 stammende Handelsgesetzbuch entstaubt, die Gründung von Handelsgesellschaften, Aktiengesellschaften und GmbHs zugelassen. Die Registrierung solcher Gesellschaften ist denkbar einfach: Anmeldung im örtlichen Handelsregister gegen eine Gebühr von 20 000 Zloty (weniger als vier Mark) und Entrichtung einer Abgabe von vier Prozent des Stammkapitals, dessen Mindesthöhe aber nicht festgelegt wurde.

Auf den ersten Blick waren dies vernünftige, einsichtige Reformen. Zur großen Überraschung aller stemmten sich auch die sonst auf die Reinheit der sozialistischen Lehre so bedachten Leute aus dem Parteiapparat in keiner Weise gegen diese Veränderungen. Der Grund für dieses Wohlwollen wurde erst im nachhinein klar. Die Nomenklatura witterte in der De facto Abschaffung der sozialistischen Kommandowirtschaft eine hervorragende Möglichkeit, noch mehr und noch schneller Geld zu verdienen als nur durch die Zuteilung von Gütern und Dienstleistungen unter Marktpreis aus den Staatsbetrieben. Die Wirtschaft, die sich zu neunzig Prozent (mit Ausnahme der meist privaten Landwirtschaft) in staatlicher Hand befindet, verwandelte sich für sie über Nacht endgültig zu einem Selbstbedienungsladen. Eine neue, etwas subtilere Form des Nomenklatura Parasitentums wurde erfunden.

"Für die neu belebten Gesellschaften des bürgerlichen Rechts", schrieb die Bauernzeitung Existenzbedingungen geschaffen. Theoretisch sollten die neuen Erfinder der Gärstoff für beschleunigtes Wirtschaftswachstum sein, Zauberer die leeren Regale füllen, wahre Arbeitsbienen die nicht genutzten oder schlecht ausgelasteten Maschinen und Fließbänder in Gang bringen, Rohstoffe um ein Vielfaches effektiver nutzen. In den Augen des Normalverbrauchers sind sie aber mittlerweile nichts anderes als Gangs von Hochstaplern und Beutelschneidern, Vereinigungen von Gaunern und Bauernfängern, die ehrliche Arbeit verabscheuen und sich eine goldene Nase mit preistreibenden Mittlertätigkeiten verdienen "

Die Leute, die vom aufgebrachten Reporter des sind größtenteils Direktoren, Hauptbuchhalter, leitende Ingenieure, die sich wie durch die Berührung eines Zauberstabs von unfähigen, lustlosen Verwaltern des ihnen anvertrauten Volksvermögens in gewiefte Geschäftsleute verwandelt haben.

Denn sie waren es, die darüber bestimmten, welche Maschinen oder Betriebsteile an wen und zu welchem Preis verkauft oder verpachtet wurden. Und meistens waren es von ihnen selbst gegründete GmbHs (diese Rechtsform war besonders beliebt), die reichlich bedacht wurden. Ihren Wert hatten die Manager vorher selbst abgeschätzt und selbstverständlich gemindert.