Von Hans Schuh

Fast täglich konfrontieren uns die Medien mit Meldungen über Umweltgefahren: seien es drohende Klimaänderungen, das Ozonloch, Tankerunfälle, Pannen und Mängel in Kernkraftwerken oder belastete Nahrungsmittel. Durchweg stellt sich dabei die Frage: Wie groß ist im konkreten Fall tatsächlich das Risiko, und wie ist es im Vergleich zu anderen Gefahren einzuschätzen? Ordnen die Medien, die Wissenschaft und die Politik die Ereignisse richtig ein, und reagieren sie adäquat darauf?

Zweifelnde Stimmen wurden allenthalben laut auf der diesjährigen Tagung der American Association for the Advancement of Science, die im Februar rund 10 000 Teilnehmer aus aller Herren Länder nach New Orleans gelockt hatte. Während viele Risikoforscher inzwischen Übertreibungen und Überreaktionen bei den Umweltgefahren beklagen – sie reden von einer wahren "Chemophobie" und übertriebenen Ängsten bezüglich der Kernenergie –, geht es Umweltschützern und vielen engagierten Wissenschaftlern nicht schnell genug. "Die Medien kühlen den Treibhauseffekt", so lautete beispielsweise der Titel eines Vortrags, der sich mit der Rolle der Massenkommunikationsmittel in der Klimadebatte auseinandersetzte. Lee Wilkins und Philip Patterson von der School of Journalism der University of Colorado in Boulder beklagten auf einem der mehr als hundert Symposien, daß der Treibhauseffekt noch zu wenig Symbolkraft besitze, um die nötigen politischen Entscheidungen herbeizuführen. Noch fehle ein symbolkräftiges Ereignis – wie etwa Bhopal und Seveso für die Chemie oder Tschernobyl für die Kernenergie –, das dem Treibhauseffekt in der öffentlichen Debatte hinreichend politische Dynamik verleihe. So habe die große Dürreperiode 1988 in den USA zwar die Diskussion über Klimaänderungen kräftig angeheizt – aber leider sei keine klare kausale Verknüpfung zwischen Dürre und Treibhauseffekt in der öffentlichen Meinung zustande gekommen. Wissenschaftlich sei dies zwar korrekt und die Darstellung "guter Journalismus" gewesen. "Aber", so meinten die beiden Medienexperten, "das Ergebnis war eine lausige Politik."

Die Fülle anthropogener Umweltgefahren liefert auch Beispiele für den umgekehrten Fall, nämlich daß mit lausiger Wissenschaft gute Politik gemacht wird. Ein Exempel dafür ist die Theorie vom Nuklearen Winter. Sie besagt, daß ein atomarer Schlagabtausch der Supermächte zu katastrophalen Bränden führt, die durch starke Rußentwicklung den Himmel weitgehend verfinstern. Dies ziehe weltweit einen dermaßen drastischen Kälteeinbruch nach sich, daß die gesamte Menschheit daran zugrunde gehen könne. Besagte Weltuntergangsvision, von den Medien und verschiedenen Interessengruppen häufig aufgegriffen, hat positive Bewegung in die Abrüstungsdebatte gebracht. Doch das apokalyptische Bild vom Nuklearen Winter ist wissenschaftlich nicht haltbar, es hat sich inzwischen zum "Nuklearen Herbst" gewandelt, den sehr viele Menschen, vor allem in der Südhemisphäre, überleben dürften. Der Risikoforscher Fred Singer kritisierte in New Orleans auf einem der 41 Symposien zum Thema "Globale Veränderungen", daß die massiv vereinfachenden Annahmen in der Theorie des Nuklearen Winters zwar von ihren geistigen Vätern sorgfältig angegeben wurden – aber in der öffentlichen Debatte überhaupt keine Rolle spielten. Inzwischen wisse man, daß gegenläufige (Treibhaus-)Effekte und die gespeicherte Wärme der Ozeane die befürchtete extreme Temperaturänderung verhindern.

Brennende Fragen

Für Fred Singer ist der Nukleare Winter nur ein Beispiel unter vielen, wie in der Umweltdebatte mit ihren äußerst komplexen Themen wichtige Aspekte ignoriert werden. So hatten der schwache globale Ozonabbau (er ist nach wie vor umstritten) und das Ozonloch in der Antarktis die Wissenschaftler überrascht. In diesem Ausmaß stimmten beide Phänomene nicht mit der Theorie überein. "In der üblichen wissenschaftlichen Praxis führen Unterschiede zwischen Theorie und Beobachtung zu dem Schluß, daß entweder die Beobachtung oder die Theorie oder vielleicht auch beide falsch und in Frage zu stellen sind. Doch im Falle der FCKW war der Wunsch nach einer Regulierung so stark, daß die falsche Logik übersehen wurde." Die Symbole "Ozonloch durch FCKW" und "Hautkrebs durch mehr UV-Licht" würden, obwohl wissenschaftlich sehr fraglich, meist unkritisch propagiert.

Während im Falle der Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) sich die wirtschaftlichen Folgen einer Regulierung in engen Grenzen halten, gilt dies nicht für die gesamte Umweltpolitik. Gewaltige Summen fließen in die Reinhaltung von Wasser, Boden, Luft und Nahrung oder in den Strahlenschutz – und immer brennender stellt sich die Frage, ob hier die richtigen Prioritäten gesetzt werden. Auf einem für Journalisten arrangierten Workshop "Berichterstattung über Umweltrisiken" mahnten Wissenschaftler und Medienexperten in New Orleans zu mehr Vorsicht und Sorgfalt bei der Prüfung und Darstellung von Umweltthemen. Stecken industrielle oder politische Interessen hinter bestimmten Risikodaten, die fast immer Bewertungen und Abschätzungen enthalten? Sind die zugrundeliegenden Statistiken, mit denen immer wieder manipuliert wird, tatsächlich auch wasserdicht? Was sagt die Gegenseite? Wo liegen die Unsicherheiten und Zweifel? Victor Cohn, ehemaliger Wissenschaftsredakteur der Washington Post und vielfach ausgezeichneter Umweltjournalist, zählte die zahlreichen Fallen auf, die es zu meiden gilt – und vergaß dabei die berufsspezifischen Aspekte nicht, etwa den Zeitdruck oder Hang zur spannenden, vereinfachenden Darstellung. "Allzu oft gehorchen wir einer verzerrenden Maxime: Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten; gute Nachrichten sind keine Nachrichten." Ein Buch aus seiner Feder, das mit Unterstützung der Harvard School of Public Health entstand, ist eine lohnende Lektüre, nicht nur für Journalisten (Victor Cohn, News & Numbers, Iowa State University Press, Ames 1989).