Kennengelernt habe ich Gustav Just 1989. Ich hätte seine Bekanntschaft viel eher suchen müssen, denn ich arbeite bei jener Zeitung, zu der er vor seiner Verurteilung gehörte, und ich wußte, wer er war, hatte seine Geschichte in Teilen gehört, auch wenn bohrendere Nachfragen in väterlich liebevollen Antworten — "Das kannst du nicht wissen, aber da hing viel mehr dran", "Seien wir froh, daß die Geschichte uns nicht immer wieder auf die Füße fällt" — untergingen. Schließlich nahmen wir Nachgekommenen diese "Geschichte" an wie ein nur schemenhaft bekanntes Markenzeichen, ein wenig stolz, dort zu arbeiten, wo Widerspruch zur Tradition gehörte, ein wenig verlegen, wenn wir mal wieder kritischen Positionen die Schärfe nahmen, um sie überhaupt zu drucken (wie wir uns einredeten), und dennoch überzeugt davon, daß in unserer Zeitung sehr viel mehr reales Lebensgefühl, problembewußte Darstellung Platz hatten als in anderen Zeitungen der DDR "Die Freiheit stirbt millimeterweise, und mindestens für einen Millimeter trägt jeder von uns die Verantwortung", schreibt Christoph Hein im Vorwort zu Gustav Justs Erinnerungen "Zeuge in eigener Sache". Ich kann nicht so tun, als gelte der Satz nur für andere.

Justs Buch — er unterteilt es in vier Abschnitte: Tagebuch, geschrieben unmittelbar unter dem Eindruck der Vorwürfe gegen Harich und Janka, noch vor der eigenen Verhaftung, 1957; Tagebuch, geschrieben einige Zeit nach der Entlassung aus dem Zuchthaus, 1962; Kommentierung aus dem Jahre 1989; Artikel, die bei der Urteilsbegründung eine Rolle spielten, zitiert aus dem Sonntag, 1956 — liest sich wie eine Dokumentation verpaßter Gelegenheiten.

Welche Identität der Hoffnungen Intellektueller nach dem XX. Parteitag der KPdSU und den Träumen der nachfolgenden Generation, als die ersten Programme und Reden Gorbatschows bekannt wurden! Wieviel engstirniger Dogmatismus, welche Überheblichkeit selbsternannter Weiser bei dem Versuch, die DDR vor der notwendigen kriischen Analyse zu bewahren, in den fünfziger wie in den achtziger Jahren! Verbrechen wie unter Stalin habe es in der DDR nie gegeben. Das mindestens habe ich geglaubt und bislang kein Indiz dafür gefunden, daß es anders sein könnte.

Wohl lese ich im Buch von Just einige Namen von Namenlosen, von Unbekannten, von Verschwundenen und bin betroffen — eine Vergleichbarkeit der Verbrechen stellt sich dennoch nicht her. Nur, ist das eigentlich die richtige Frage? War die ausschließliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Stalinismus nicht der heimliche Versuch, die mit staiinistischen Normen durchtränkte Gesellschaft unangetastet zu lassen? So wie in den achtziger Jahren, als die Thesen Gorbatschows auf die Formel der Neutapezierung reduziert wurden, um die Ausweitung von Glasnost und Perestrojka in der DDR zu unterbinden? Wie verinnerlicht stalinistische Strukturen waren, entdecken wir segmentweise. Wir sind in ihnen aufgewachsen, sie waren so selbstverständlich wie das Brot, die Schule, das Zähneputzen, manchmal lästig, aber im Grundsatz gar nicht in Frage zu stellen. Und sie waren es auch nicht für einen Mann wie Gustav Just, der natürlich akzeptierte, daß die Partei ihn in den Apparat nahm und wieder daraus entfernte, in den Sonntag delegierte, sich vorbehielt, korrigierende Artikel anzufordern, die Arbeit der Redaktion zu bewerten. Nur seine Gedanken wollte er sich selber machen, seine Sichten auf Probleme darlegen, seine Vorstellungen von einem demokratischeren Sozialismus wenigstens vorbringen, diskutieren dürfen, wie in Landwirtschaft, Kultur und Politik auf deutsche sozialistische Traditionen gebaut werden könne. Er durfte nicht.

Wie oft haben wir uns verbogen, ohne überhaupt wahrzunehmen, daß diese Haltung schmerzhaft ist? Wie oft haben wir uns mit Witz oder Zynismus über die Runden gebracht, und wie oft haben wir Genugtuung empfunden, denn je heftiger die Kritik, desto dichter waren wir an der Realität? Höhnend, aber brav haben wir die vielen zeitweiligen Verbote von Wörtern zur Kenntnis genommen. Zu Justs Zeiten war es das Wort Sozialismus, jüngst erst Perestrojka, aber auch so lächerliche wie Braten, wenn das Fleisch knapp war. Als wäre das Volk ein großer Dummkopf, dem man die Hand vor die Augen hält, um die Wirklichkeit verschwinden zu lassen. Taktik hieß das.

Just schreibt, daß die Presse im Sozialismus als Transmissionsriemen von der Partei zu den Massen gesehen wurde, und plädiert auch für den umgekehrten Weg. Wir hätten einen solchen Begriff nie gebraucht und seine Funktion geleugnet. De facto aber sollten wir genau das tun, "durchstellen", was oben gedacht und unten vollbracht werden sollte.

Zwar wurde von der Partei auch immer wieder Kritik und Meinungsstreit gefordert. Gemeint war aber nicht die Diskussion um das tatsächliche Problem, sagen wir des Umweltschutzes, des ungenügenden Warenangebots, des Verfalls der Städte, sondern das Gespräch mit dem Leser um Randprobleme. Just beschreibt sehr genau, wie der Mechanismus der Disziplinierung funktionierte, vom "Rat", etwas zu unterlassen, über Aussprache, Attacke, innige Vergatterung ("Wir wollen doch alle das gleiche") und die "Verstärkung der Redaktion", die ihren "Aufgaben nicht gewachsen" ist, durch einen geeigneten "Kader" bis hin zur Ablösung der Undisziplinierbaren.