Von Michael Sontheimer

Sherei Pheap, im März

In einer großen Staubwolke rollt ein Konvoi aus sieben japanischen Geländewagen über die ausgedörrte Ebene des Grenzgebietes zwischen Kambodscha und Thailand. Vom ersten Wagen springen sechs Soldaten der Armee Nationale Sihanoukienne (ANS), Königliche französische Schnellfeuergewehre im Anschlag. Dem zweiten Fahrzeug entsteigt seine Königliche Hoheit Prinz Norodom Sihanouk. Die schillerndste Figur der kambodschanischen Tragödie will sich nach elf Jahren des Exils in Peking, Pjöngjang und Paris wieder in seiner Heimat Kambodscha, in einem von seinen Widerstandskämpfern eroberten Gebiet, niederlassen.

Der kleine Prinz – Sihanouk ist rund einen Meter sechzig groß – trägt einen schlichten grünen kurzärmeligen Anzug. Er breitet die Arme aus und ruft mit hoher Stimme: "Ich freue mich sehr, Sie hier in Kambodscha zu begrüßen. Ich werde hier künftig ständig leben, bis zur Befrei- und meines Landes von den Truppen Hun Sens und der Vietnamesen." Er ist sofort von mindestens fünfzig Kameramännern und Photographen aus aller Welt eingekeil. "Stoßt sie nicht zurück. Laßt sie ihre Bilder machen", befiehlt er seinen nervösen Leibwächtern. "Ich bin so froh, daß Sie hier sind, meine lieben Freunde von der Presse."

Seit Frankreich 1954 Kambodscha die Unabhängigkeit zugestehen mußte, hatte Norodom Sihanouk mit nahezu unumschränkter Macht seine Heimat im Herzen Indochinas beherrscht. 1970 stürzte ihn sein Verteidigungsminister Lon Nol. Sihanouk ging ins Exil nach Peking. Dort verbündete er sich auf Drängen seines Mentors Tschou En-lai mit den Khmer Rouge, die er zuvor brutal hatte verfolgen lassen. Als die Roten Khmer schließlich im Frühjahr 1975 die Herrschaft an sich gerissen hatten, kehrte er in die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh zurück. Pol Pot und seine Genossen stellten ihn allerdings in seinem Palast unter Hausarrest. Siebzehn Mitglieder seiner großen Familie kamen unter der Schreckensherrschaft der Khmer Rouge ums Leben. Als die vietnamesische Volksarmee nach ihrem Einmarsch im Nachbarland die von China unterstützten Ultramaoisten im Januar 1979 besiegt hatte, waren mindestens eine Million von sieben Millionen Kambodschanern bei dem brutalen Experiment, den Kommunismus in einem großen Sprung zu erreichen, durch Liquidierung, Hunger oder Krankheiten zu Tode gekommen.

Trotz seiner bis heute andauernden Allianz mit den Massenmördern genießt Prinz Sihanouk in der ganzen Welt Ansehen. Und er weiß den rund hundert Reportern, die aus Bangkok mehr als 400 Kilometer angereist sind, auch wieder ein pittoreskes Spektakel zu bieten: Mitten im ausgedörrten Busch markieren große Fahnen Thailands und der Sihanoukisten die Grenze; "Cambodia" steht darunter auf einem Schild. Dabei bleibt völlig unklar, ob hier wirklich die Grenze verläuft, denn Kambodscha und Thailand konnten sich bislang nicht über den exakten Grenzverlauf einigen.

In Sherei Pheap, dem "Freiheits-Dorf", mit seinen höchstens zwanzig strohgedeckten Hütten stehen etwa hundert Soldaten der ANS in Tarnanzügen stramm. Prinz Sihanouk nimmt die Parade ab. Die Soldaten sinken vor ihm auf die Knie und falten die Hände vor ihrem Gesicht. Seine Königliche Hoheit zieht sie gütig wieder aus dem Staub empor. Die Kapelle intoniert mit wimmernden Posaunen eine Hymne, die wie ein Trauermarsch klingt.