Von Dorothee Nolte

Wie heißt noch gleich die Piazza vor dem Dom in Florenz? Carl Djerassi will es wissen, jetzt. Ein Reiseführer ist nicht aufzufinden, drei kunsthistorische Wälzer werden der Besucherin mit einem entschuldigenden Lächeln in die Hand gedrückt – „nur dies noch, dann können wir die Künstlerkolonie besichtigen“ –, und sie blättert konfus zwischen Inhaltsverzeichnis und Index hin und her. Ohne Erfolg. Djerassi, klein, drahtig, eifrig, durchsucht weitere Regale mit Kunstbüchern, die sich hinter hölzernen Schiebewänden mit Zeichnungen seines Lieblingskünstlers Paul Klee verstecken.

Wie wäre es denn mit „Piazza del Duomo“? Das wäre doch naheliegend. Aber nein, Djerassi muß es genau wissen: Eine seiner nächsten Kurzgeschichten soll auf diesem Platz spielen, „und da will ich mich nicht blamieren“. Wer seine Kurzgeschichtensammlung – die ersten literarischen Versuche des 66jährigen Chemieprofessors und Miterfinders der Antibabypille – gelesen hat, ahnt es: Die Menschen, die in seinen Kurzgeschichten auftreten, jene betont kultivierten, kunstliebenden, weitgereisten Snobs und Gourmets, sie würden sich nicht in den Namen berühmter Plätze irren, ob in Florenz, Paris, New York oder Peking. Um ihretwillen: weitersuchen.

Genug, beschließt Djerassi dann und zeigt jenes entwaffnend-warme Lächeln, das immer wieder seine oft harten und verschlossenen Gesichtszüge durchbricht. „Einer der Vorteile des Universitätslebens“, sagt er, der seit 1960 an der kalifornischen Stanford University lehrt, „ist, daß man zu jeder Frage einen Kollegen anrufen kann.“ Und im Vertrauen auf den Wissenspool einer amerikanischen Top-Universität vertauschen wir die Welt der Florenzer Straßencafes und Renaissance-Paläste mit dem wirklich Naheliegenden: Vor der Tür, unter der kalifornischen Sonne und durchweht vom kräftigen Küstenwind liegt die versprochene, von Djerassi gegründete Künstlerkolonie.

Der Blick über die sanft zum Pazifik hin abfallenden Hügel ist atemberaubend, unterbrochen nur von vereinzelten Häusern und einigen in die Landschaft eingefügten Skulpturen, die Djerassi mit nie erlahmender Begeisterung vorzeigt und erklärt. Wir fahren zu den Studios, wo sich jährlich etwa fünfzig Künstler ein bis drei Monate lang allein ihrer Arbeit widmen können: In einem Studio arbeitet ein Maler. Ein anderes ist mit Spiegeln und Parkettboden für eine Choreographin zurechtgemacht, zwei Künstler, vielleicht Schriftsteller oder Bildhauer (die Djerassi-Stiftung fördert alle Kunstrichtungen), unterhalten sich in der Küche und rufen einen kurzen Gruß hinaus zum Mäzen, der sich trotz einer Gehbehinderung flink wie ein Wiesel über das Gelände bewegt.

Die inzwischen zehnjährige Kolonie verdankt ihre Existenz einem traurigen Anlaß: Djerassi gründete sie zum Gedenken an seine Tochter Pamela, eine Künstlerin, die im Alter von 28 Jahren Selbstmord beging. Ihr Tod hat ihn schwer mitgenommen und verändert, meint er. Und bricht ab. Über andere Veränderungen in seinem Leben spricht er leichter.

Früher waren seine Ambitionen ausschließlich wissenschaftliche, gibt er zu. Schon ganz zu Beginn seiner Forschertätigkeit in der chemischen Industrie – 1949 war er an die damals obskure Pharma-Firma Syntex in Mexiko-City gegangen – gelangen ihm gleich zwei wichtige Entdeckungen: die Synthetisierung von Cortison, die dessen Massenproduktion erlaubte und 1951, in Zusammenarbeit mit den Bostoner Pharmakologen Gregory Pincus und John Rock, die Synthetisierung von Gestagen, einem Baustein „der Pille“. Das brachte ihm zwar nicht den erhofften Nobelpreis ein, hatte jedoch soziale Auswirkungen, wie er sie selbst nicht hätte voraussagen können. „Feministische Erwägungen spielten für mich bei der Entwicklung der Pille keine Rolle“, erzählt er nach der halbstündigen Rückfahrt von der Künstlerkolonie auf der Terrasse seines Stanforder Hauses, das ebenfalls von Kunstgegenständen fast überladen erscheint.