Von Martin Ahrends

HAMBURG. – DDR -identität? Was ist das, fragt man sich hier. Worauf sollte man da drüben stolz sein? Und ist das ganze Staatsgebilde nicht von Anfang an ein Provisorium, eine zwangsweise Ubergangsregelung gewesen und dann sogar eine geschlossene Anstalt? Wie kann man sich mit einem Häftlingsdasein identifizieren?

Häftling kommt von Haftung. Die DDR-Insassen haben sehr wohl gehaftet, für etwas, das man den verlorenen Krieg oder die Verbrechen des Hitler-Regimes nennen könnte. DDR-Identität als mehr oder weniger bewußtes Empfinden von gerechter Strafe? Zumindest als das Gefühl, von der Geschichte ernst genommen zu werden, habe ich diese Identität in der DDR erworben.

Das war immerhin mehr, als der Westen an Nachkriegssinn zu bieten hatte: Der Westen, der sich aus der historischen Misere half, indem er die Deutschen abschaffte und aus ihnen Europäer, Verbraucher, Wähler, jedenfalls emsig Beschäftigte machte, die nicht nur das Brot über ihren Bedarf an Zugehörigkeit stellten, sondern gleich an die fünfzehn Brotsorten.

Man konnte sich ein bißchen überlegen fühlen mit dieser unerledigten Geschichte auf den Schultern, wiewohl die offizielle Parteilinie viel rigoroser jede Geschichtskontinuität abstritt, als dies zu tun der Westen je genötigt war. Der DDR-Antifaschismus war eine Art Ablaßhandel: Die regierenden Kommunisten hatten in Hitlers Zuchthäusern gesessen und bezogen daraus die Rechtfertigung, dem sündigen Volk Ablaß zu gewähren – für den Preis, daß es nach dem Nationalsozialismus auch noch einen anderen, den eigentlichen und wahren Sozialismus an. sich ausprobieren ließ. Ein Heim für gefallene Mädchen, und der Vorstand nicht ganz frei von pädophiler Neigung ...

Wenn man es irgendwann für annehmbarer hielt, statt zu den angeblichen „Siegern der Geschichte“ (ohne Vergangenheit) zu den Verlierern der Geschichte zu gehören, konnte man damit eine eigene Zugehörigkeit gewinnen, die dann im Gegensatz zur offiziellen DDR-Identität stand und doch unter den spezifischen DDR-Bedingungen gewachsen war.

Als ich zehn war, wurde vor unserer Haustür die Mauer hochgezogen; die halbe Familie wohnte dahinter, und ich begriff nicht, wofür wir da bestraft wurden. Als ich zwanzig war, begann ich, mich für die Spuren der abgeschnittenen „Unzeit“ und die „Nacht des Faschismus“ zu interessieren, ging an den Geleisen entlang, die ins Konzentrationslager Sachsenhausen führten, entdeckte das „DR“ für Deutsche Reichsbahn an den Waggons, die damals schon hier gerollt sein konnten, gab meinem Kind einen jüdischen Namen – aus purer Hilflosigkeit, diese neugewonnene Identität irgendwie zu bekräftigen.