Von Dirk Kurbjuweit

Früher war Weira von Quaschwitz aus nicht zu sehen. Doch jetzt steht Dieter Jeske* an der Landstraße und zeigt mit ausgestrecktem Arm nach Norden, wo zwischen zwei Baumgruppen hinter einem Hügel eine Kirchturmspitze hervorschaut. Noch vor zehn Jahren standen hier die Fichten dicht und hoch. Nun hat der Wald große Lücken, viele Bäume sind mickrig und ohne Nadeln. „Die Schweine machen alles kaputt“, nun Jeske und schüttelt wie ungläubig den Kopf, als könne er sich nie daran gewöhnen, daß man nun bis Weira gucken kann.

Tatsächlich: Schweine haben diese Landschaft zerstört. Denn zwischen den Dörfern Quaschwitz und Weira in Ostthüringen liegt der VEB Schweinezucht und -mast Neustadt/Orla (SZM), in dessen Ställen Platz für 175 000 Borstentiere ist. Einhundertfünfundsiebzigtausend. Herne hat so viele Einwohner. Bundesdeutsche Mastbetriebe erreichen nicht einmal ein Zehntel dieser Größe.

Dem Ausmaß nach könnte dies auch eine Automobilfabrik sein. Auf einem achtzig Hektar großen Gebiet, das in den Karten noch als Weiraer Wald eingetragen ist, strecken sich 17 Hallen bis zu 300 Meter in die Länge. 106 Meter hoch ist der Schornstein des Heizkraftwerks, das mitten auf dem Betriebsgelände steht. Flutlichtmasten, Kohlehalden, Güllebecken mit dreißig Meter Durchmesser, ganze Batterien von metallblitzenden Futtersilos – realsozialistischer Gigantismus hat sich hier ausgetobt, mit fatalen Folgen für einen ganzen Landstrich.

Dieter Jeske, der selbst sechs Schweine besitzt, hält die Nase in den Wind. „Riechen Sie’s ?“ fragt er. Ein scharfer Geruch von Ammoniak und Schwefelwasserstoff weht von der SZM herüber. Schlicht gesagt: Es stinkt nach Gülle, und zwar gewaltig. Pflanzen halten das noch weniger aus als Menschen, und deshalb steht die Schweinefabrik in einer Wüstenei. Ringsum wächst nichts mehr: braune Erde, totes Gestrüpp, gefallene Bäume. Dort, wo nach einigen hundert Metern die Wälder beginnen, sind die ersten Baumreihen gelb und kahl. Wenn sie fallen, stehen die nächsten, noch grünen Fichten schutzlos im güllevergifteten Wind. Diese Landschaft wird nach und nach kaputtgeschissen.

Auch die Menschen leiden. Dieter Jeske, ein erdverwachsener Mann mit grüner Strickjacke und brauner Wollmütze, kann sich nicht mehr wohlfühlen in seiner Heimat. Die SED hat ihm, dem Sprößling einer Bauernfamilie, die Felder genommen. Seine Wälder und Teiche zerstört seit 1978 die SZM. So fischte Jeske noch im vergangenen November fünfhundert Kilo tote Karpfen aus seinen Teichen, die direkt neben der Schweinefabrik liegen. Schadenersatz gab es nicht, schon gar nicht für entgangene Freuden an Spaziergängen von Quaschwitz nach Weira, die niemand mehr genießen kann.

Wie zerstörerisch die Wirkung der Gülleflut ist, erfährt man so richtig erst bei einer Rundfahrt im Wartburg von Gerhard Güther, der kämpfen will, bis die SZM dichtmacht. Kaum hat das Auto die häßliche Fabrik hinter sich gelassen, gewinnt die Gegend an Reiz. Dies sei das Land der tausend Teiche, wird lobend gesagt, doch fünfzehn davon – sie bilden eine kleine Seenplatte – sind mit einer eigentümlichen Flüssigkeit gefüllt. Sie ist braun und schäumt weiß an den Ufern. Als wir den Wartburg verlassen, setzt sich Güllegestank noch beißender in die Nase als an der Schweinefabrik.