Die Werbestrategen der West-Parteien prägen den Wahlkampf in der DDR

Von Marlies Menge

Ost-Berlin, im März

Der Ostberliner Straßenbahnfahrer hat neben seiner Kurbel gut sichtbar eine weiße Plastiktüte, auf der groß „SPD“ steht. Der Mann, der vor einem HO-Laden Pfandflaschen sortiert, hat sich drei weiße Buchstaben auf seine Schirmmütze geklebt: „CDU“. Für dieselbe Partei wirbt auf der Frontscheibe der Lkw-Fahrer vom VEB Getränkekontor Luckenwalde. Die Bauarbeiter am Neubau Leipziger-/Ecke Friedrichstraße haben in großen Lettern aufs Dach geschrieben: „Wir wählen SPD“.

DDR-Bürger führen ungeniert während der Arbeitszeit und am Arbeitsplatz ihren Wahlkampf nach dem Motto: Was der SED vierzig Jahre lang recht war, nämlich ständig in den Betrieben präsent zu sein, muß nun den anderen Parteien billig sein. Jeder, der Lust hat, macht mit. Der Arbeiter eines volkseigenen Baubetriebes, dessen Lastwagen auf der rechten Tür ein CDU-Aufkleber ziert, auf der linken einer der SPD, grinst: „Mein Beifahrer wählt leider anders als ich.“

Private Bekenntnisse

Am originellsten waren die privaten politischen Bekenntnisse, bevor die großen Mutterparteien aus dem Westen das Land mit Plakaten und Aufklebern versorgten. Da war im Fenster eines Wohnhauses in der Lutherstadt Wittenberg zu lesen: „Im Moment 2 1/2 Jahre Wartezeit auf Prothesen – bei weiteren Sozialismusversuchen x hoch 2 Jahre – stellt Euch auf Brei um.“ Im nächsten Fenster: „Wählt CDU“. Neben der Haustür die Auflösung: das Schild einer Zahnarztpraxis. Die Buchhandlung Wunschmann warb für die SPD mit einem selbstgefertigten, etwas holprigem Gedicht: „Wahlen ja, das find ich gut / So nimmt das Alte seinen Hut. / Wahlen, das ist wirklich wichtig. / Dies nicht tun, ist gar nicht richtig. / Denn dann stärkt man, das tut weh, / wieder einmal SED. / Außer letzteren gibt es viele, / die diesmal sind bei uns im Spiele. / Eine davon muß es sein, / dann kriegt das Alte uns nicht klein.“