Es war nur ein kleiner Verkehrsunfall; doch er endete mit Totalschaden – für die Partei. Es geschah kurz nach dem Jahreswechsel in der ukrainischen Stadt Tschernigow. Nach dem Zusammenstoß ließ ein leitender Funktionär seinen nicht mehr fahrtüchtigen Wagen stehen. Kurz darauf schoben ihn einige Bürger wieder an: direkt zum Hauptquartier der Partei. Denn was sie gesehen hatten, öffnete ihnen die Augen: Schinken, Wurst und andere Köstlichkeiten – im Kofferraum.

Was die Bevölkerung selbst zum Neujahrsfest bitter vermissen mußte, beschafften sich die Bosse tagtäglich ohne Mühe. Um die Delikatessen formierte sich eine Demonstration. Am nächsten Tag besetzten Hunderte das Parteigebäude und forderten den Hausherrn zum Rücktritt auf. Der Pannen-Funktionär und sein Vorgesetzter, Stadt-Parteichef Leonid Palatschenko, mußten am 13. Januar den Hut nehmen.

Binnen weniger Wochen widerfuhr einer ganzen Reihe führender Genossen ähnliche Unbill. Allein über ein Dutzend Erster Gebietssekretäre der russischen Republik mußte unter dem Druck der Massen die privilegienträchtigen Posten räumen. Einer der ersten war der sechzigjährige Genadij Bogomjakow, ZK-Mitglied und seit 1973 Gebiets-Parteichef von Tjumen, dem erdölreichen Landesteil am Ural. Die Hauptanklage von der Basis: Prototyp des Statthalters.

Einen besonders starken Abgang der alten Autoritäten erlebte Sibirien. „Es wird immer schwerer, den Ural-Bewohnern zu erklären, warum sie noch bedeutend weniger als andere konsumieren können“, klagte Wladimir Kadotschikow, der inzwischen zurückgetretene Parteichef von Swerdlowsk. Seit der dortigen „Wodka-Rebellion“ Ende vergangenen Jahres, als es im Zentrum der sowjetischen Rüstungsindustrie weder Wurst noch irgendeinen guten Tropfen gab, hatte sein Stuhl schon gewackelt.

Erklärungen und Entschuldigungen will niemand mehr hören. Der Glaube an die Partei ist selbst in den slawischen Kernlanden tief erschüttert worden. Offenes Mißtrauen gehört inzwischen zu den politischen Umgangsformen. Bleibt die Parteiführung gegen alle Proteste im Amt, riskiert sie wilde Streiks, wie zur Zeit im ukrainischen Donjetsk. In diesem Bergbaugebiet eskaliert der Konflikt seit vier Wochen. Die Kumpel verlangen nicht nur den Rücktritt der örtlichen Machthaber. Sie fordern einen radikalen Abbau des Apparats auf allen Stufen und die Übergabe der freigewordenen Räume an Kinder und an karitative Organisationen.

Wie in Tschernigow und Tjumen, in Barnaul und im fernen Wladiwostok bilden die Privilegien, Wohnungen und Wagen den „Transmissionsriemen“ des Volkszorns. Unter diesem Druck hat ein Redner auf der Krisensitzung der Kommunisten in Donjetsk jetzt sogar schon den Stoßseufzer getan, Moskau möge endlich die schwarzen Dienstlimousinen durch gewöhnliche Pkw ersetzen, „damit man wieder in Ruhe zu den unteren Parteiorganisationen fahren kann“.

Eine Million Dienstfahrzeuge mit Fahrern steht den sowjetischen Parteibossen zur Verfügung, eine weitere Million den Staatsfunktionären. Das gesamte öffentliche Transportsystem hat nicht so viele Fahrer. Den Staatshaushalt belastet allein dieses Privileg mit über zehn Milliarden Rubel im Jahr. Das sind rund zehn Prozent des Haushaltsdefizits.