Von Willi Germund

Managua, im März

Selbstsicher plazierte sich Nicaraguas zukünftige erste Dame hinter einem Berg von Mikrophonen, reckte die Arme in Siegerpose hoch und las eine kurze Stellungnahme von mitgebrachten Karteikarten ab. „Wenn ich Präsidentin bin, werde ich auch bestimmen“, raunzte Violeta Chamorro einen Journalisten an, der ihre Führungsqualitäten anzuzweifeln wagte. Auf den Mund gefallen ist sie nicht, die sechzigjährige Verlegerin der konservativen Tageszeitung La Prensa. Wie viele ältere Damen Nicaraguas weiß die siegreiche Präsidentschaftskandidatin der 13-Parteien-Allianz UNO auf viele Fragen eine flotte Antwort: „Alles wird besser“ – ausgerechnet den Wahlslogan der geschlagenen Sandinisten hielt sie dem sowjetischen Botschafter Nikolajenko entgegen, der zur Gratulation vorbeischaute. „Alles vergeben und vergessen“, tröstete sie den SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Wischnewski, den sie einst in ihrer Zeitung als Statthalter des Marxismus-Leninismus hatte verleumden lassen, weil er den Sandinisten Beraterdienste leistete.

Als bei ihrer bisher einzigen Pressekonferenz komplizierte Themen zur Sprache kommen, fugt sich Violeta Chamorro sofort dem Diktat der Begleiter. „Darauf antwortet Francisco Mayorga“, reicht die Mutter von vier Kindern und Großmutter von sechs Enkeln nach kurzer Rücksprache im Flüsterton das Wort weiter, um ihre wirtschafts politischen Vorstellungen erläutern zu lassen, ihr Schwiegersohn Antonio Lacayo muß herhalten, als die bevorstehenden Verhandlungen mit den Sandinisten berührt werden. Mit am Tisch sitzen noch ihr Sohn Pedro Joaquín Chamorro, einst Führungsmitglied der von Washington unterstützten Contras, und Alfredo Cesar, ebenfalls bis vor zwei Jahren im Vorstand der rechtsgerichteten Rebellen. Vizepräsident Virgilio Godoy, Chef der Unabhängigen Liberalen Partei, wirkt in diesem Kreis beinahe als Außenseiter.

Nach fast fünfzigjähriger Herrschaft der Somoza-Clique und nach zehnjähriger revolutionärer Sandinisten-Regierung unter der Ägide der Brüder Daniel und Humberto Ortega gerät Nicaragua mit dem Präsidentenwechsel am 25. April jetzt unter Familienherrschaft der Großbürgerfamilie Chamorro. Zwar werden die Ministersessel unter der 13-Parteien-Allianz UNO aufgeteilt. Aber die Macht der zukünftigen Regierung wird sich im Präsidentenpalast bei den Beratern von „Dona Violeta“ konzentrieren: bei ihrem Schwiegersohn, dem Großgrundbesitzer Antonio Lacayo, bei Alfredo Cesar, der mit einer Schwester von Lacayo verheiratet ist und eben bei ihrem Sohn Pedro Joaquín.

Dem ehrgeizigen zukünftigen Vizepräsidenten Virgilio Godoy, dem laut Verfassung vorwiegend protokollarische Aufgaben zustehen, machte diese Aufgabenteilung schon im Wahlkampf zu schaffen. „Sie verstehen die Botschaft“, tuschelte er augenzwinkernd, als er bei einem Gespräch mit einer Antwort wartete, bis sich ein Vertrauter aus der Chamorro-Zeitung La Prensa verabschiedet hatte. Damals erwog Godoy noch eine Koalition mit den Sandinisten.

Das inzwischen amtliche Wahlergebnis machte solche Spekulationen uberflüssig. Mit einer Mehrheit von 51 Sitzen gegenüber 39 der Sandinisten kann sich UNO sogar erlauben, daß einige Parlamentarier aus den eigenen Reihen ausscheren. Das scheint angesichts des seltsamen Spektrums der Allianz ohnehin unvermeidbar: Von stalinistischen Kommunisten über Sozialisten bis zu Konservativen reicht der Regenbogen der Mitgliedsparteien. Sie alle einte bislang nur der gemeinsame Gegner, die Sandmassen. Dei Wahlsieg kam so überraschend, daß das bunte Bündnis für die Regierungsverantwortung nicht im geringsten gerüstet ist. Jetzt verbringt die Fuhrung der UNO jede Minute in Konferenzen, um Pläne für die nächsten Jahre zu schmieden – und Meinungsverschiedenheiten auszugleichen.