Dieses Mal waren die Schriftsteller unter sich. Und das werden sie nun wohl bleiben: auf sich allein gestellt. Niemand ist mehr für sie da: kein Staat, keine Stasi, keine Partei, kein Buchminister, keine Zensur. Und Geld ist auch bald keines mehr da.

Auf dem X. Schriftstellerkongreß vor gut zwei Jahren konnten die Autoren der DDR noch Erich Honecker begrüßen, „den Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, unseren Freund und Genossen“, außerdem die Mitglieder des Politbüros Horst Sindermann, Kurt Hager, Joachim Herrmann, Egon Krenz, Günter Mittag und Günter Schabowski sowie schließlich „die Vertreter der Blockparteien und der Nationalen Volksarmee“. Nun, auf dem „Außerordentlichen Schriftstellerkongreß“, der vom 1. bis zum 3. März in Ost-Berlin stattfand, ließ sich von der Regierung niemand blicken, auch nicht der Minister für Kultur.

Er hätte auch schlechte Karten gehabt. Er hat nicht verhindern können, daß der für das Jahr 1990 bestätigte Finanzplan des Schriftstellerverbands der DDR vom Minister der Finanzen aufgekündigt worden ist. Bis Ende März wird noch überwiesen – was dann kommt, weiß niemand.

Der Verband ist verwöhnt. Er wurde bisher großzügig alimentiert. Im vergangenen Jahr stammten nicht mehr als 6,5 Prozent der Gelder aus Mitgliedsbeiträgen und anderen „eigenen Einnahmen“, für den Rest sorgte die SED: Gut achtzig Prozent kamen direkt aus dem Staatshaushalt, noch einmal rund dreizehn Prozent gaben der Kulturfonds der DDR und entsprechende Einrichtungen der Bezirke hinzu. In Zahlen: 2,5 Millionen Mark (Ost) ließ sich die DDR ihren Verband 1989 kosten, zuzüglich 400 000 Mark aus den Fonds.

Daß die Obrigkeit so sehr die Nähe der Literatur suchte, mögen manche Schriftsteller als schmeichelhaft empfunden haben. Vom Ferienaufenthalt im verbandseigenen Erholungsheim „Friedrich Wolf“ in Petzow bis zur Rente war ja alles geregelt. Das personell hervorragend ausgestattete Büro des Schriftstellerverbands hatte für soziale Sorgen ein Ohr, etwa für jene Von freiberuflichen Mitgliedern mit Kindern: 35 000 Mark spendierte man 1989 für die „Gestaltung von Weihnachtsfeiern“, für „Geschenke zu Weihnachten und zur Jugendweihe“, als „Zuschuß zu Kinderferienlagern“.

Die staatliche Fürsorge für die Kulturschaffenden war umfassend. Sie hatte ihren Preis. „Zuckerbrot und Peitsche“ nannte das Prinzip jetzt auf dem Kongreß Stefan Heym – so naheliegend wie korrekt. Das Interesse der Obrigkeit erwies sich als eine erdrückende, Luft nehmende Umklammerung. Das alles ist nicht neu. Der Verband war stets Lobby und Aufsichtsbehörde in einem Bei jeder noch so kleinen Entscheidung mischte der Staat mit – ob es sich um Druckgenehmigung, Auflagenhöhe, Verlagswahl oder neue Kandidaten handelte. Geplante Westreisen der Mitglieder wurden im Verbandsbüro in aller Gemütsruhe mit der Staatssicherheit abgestimmt. Wen die SED partout nicht mehr im Verband sehen wollte, der wurde eben ausgeschlossen. Schon seit vielen Jahren war der Schriftstellerverband der DDR ein sich vornehm gebender Club hinter verschlossenen Türen. Jüngere, gar unbotmäßige Autoren hatten da keine Chance zum Einlaß, falls sie den überhaupt suchten – das Durchschnittsalter der Mitglieder (Ende 1989 waren es 931): 58,4 Jahre. Die Mitgliedschaft, zumindest die Kandidatur, war jedoch bis vor kurzem Voraussetzung dafür, überhaupt ein Buch in der DDR veröffentlichen zu können.