Von Joachim Nawrocki

Am zentralen Runden Tisch im Konferenzzentrum von Schloß Niederschönhausen macht sich Wehmut breit. Am kommenden Montag wird die letzte Sitzung sein, dann werden allenfalls noch einige Arbeitsgruppen bleiben. In der Zeit zwischen dem Sturz des alten SED-Regimes und der Wahl einer frei gewählten Volkskammer übte der Runde Tisch einen Einfluß aus, der oft unterschätzt wurde. Aber immer deutlicher wurde auch, daß die Parteien und Gruppierungen nach und nach ihre zweite und dritte Garnitur am Tisch plazierten. Die Spitze der neuen politischen Klasse zog in den Wahlkampf.

Einer, der jedoch fast von Anfang an dabei war und blieb, still zumeist, eher im Hintergrund wirkend, ist Wolfgang Templin von der Initiative für Frieden und Menschenrechte (IFM). Die friedliche Revolution im Lande erlebte er freilich von außen. Anfang 1988 war er zusammen mit seiner Frau Regina, mit der Malerin Bärbel Bohley, der Regisseurin Freya Klier, dem Liedermacher Stephan Krawczyk und etlichen anderen wegen des Verdachts landesverräterischer Beziehungen verhaftet worden. Sie alle wurden von der Staatssicherheit so unter Druck gesetzt und in der Isolation der Haft gegeneinander ausgespielt, daß sie gegen ihren Willen Ausreiseanträge stellten oder sich, wie die Templins, mit einer zeitweiligen Ausreise einverstanden erklärten.

Aber die Ereignisse in der DDR, sagt Templin, "haben uns immer ungeduldiger gemacht. Da haben wir gemerkt, daß wir eigentlich nie weg waren, unsere Seele blieb drüben. Und als die alte Macht zusammenbrach, da hatten wir ein Gefühl zwar nicht von Triumph, aber von riesiger Erleichterung." Sobald es ging, Ende November letzten Jahres, kehrten die Templins zurück in ihre Heimat. Anfangs half Wolfgang Templin dem Runden Tisch als Berater, "das half auch, sich wieder reinzufinden", und seit der dritten Sitzung war er ununterbrochen mit Sitz und Stimme dabei.

Wenn sich Wolfgang Templin jetzt dafür ausspricht, daß sich die revolutionierte DDR und das vereinigte Deutschland "nicht auf die Standards der Bundesrepublik festlegten", dann weiß er genauer als viele andere DDR-Bürger, wovon er spricht. Denn er hat fast zwei Jahre im Westen verbracht und oft Erstaunliches erlebt: etwa die mangelnde Solidarität von Gewerkschaftlern und Politikern mit der DDR-Opposition. Templin und seine Freunde, die jahrelang nach dem Motto "Bleibe im Lande und wehre dich täglich" gelebt und damit ihre Existenz aufs Spiel gesetzt hatten, waren fassungslos angesichts der Furcht und Kompromißbereitschaft im Westen, die in ihren Augen auf eine Kumpanei der Ruhe-und-Ordnung-Fraktionen beider Seiten hinauslief. So, meinte Templin damals, werde die Selbstbestimmung in der DDR nie zu erreichen sein, sondern "nur in einem tiefen krisenhaften Prozeß" – und er hat recht behalten.

In den Lockerungen der DDR, in den kleinen politischen Spielräumen, die die SED-Führung zuließ, sah Templin anders als viele westliche Beobachter nie freiwillige Reformen, sondern nur das Ergebnis des politischen Drucks von unten und von außen, von der Opposition und von Gorbatschow. Und er war immer wieder enttäuscht darüber, daß die Friedens- und Menschenrechtsbewegung in der DDR so wenig Ermutigung von außen erhielt: "In Polen reden Sozialdemokraten doch auch mit Solidarnosc und in der Tschechoslowakei mit der Charta 77, warum nicht auch mit uns?" fragte er 1987 in einem Interview.

Der Angst vor der Provokation der Mächtigen verdankt auch Templins Gruppe ihre Gründung. Als Ende 1985 in kirchlichem Rahmen ein Menschenrechtsseminar veranstaltet werden sollte, da bekam Generalsuperintendent Krusche "kalte Füße", wie Templin sagt. "Er fürchtete wohl, daß wir so etwas wie eine Charta 77 machen." Die stillschweigende Verabredung zwischen Kirche und Staat war es jedoch, die Friedensbewegung unter dem Dach der Kirche zu halten. "Aber wenn man Menschenrechtsarbeit konkret macht, dann macht man eben zwangsläufig Politik. Und damit war die Kirche überfordert. Wir mußten es selber machen." So traf sich dann ein Vorbereitungskreis in der Wohnung der Templins, und daraus entstand Anfang 1986 die Initiative für Frieden und Menschenrechte.