Die Freundschaft zwischen Israel und den Vereinigten Staaten steht wieder einmal auf dem Prüfstand. In Jerusalem beharrt Regierungschef Schamir darauf, daß die bereits begonnene Einwanderung von Hunderttausenden sowjetischer Juden eines großen Israels bedarf. Er rechtfertigt damit deren Ansiedlung in den besetzten palästinensischen Gebieten. Präsident George Bush seinerseits hat nach jahrelangem Lavieren Washingtons endlich klargestellt, daß Amerika keine jüdische Besiedlung der besetzten Gebiete will – denn diese schiebt eine Einigung mit den Palästinensern in weite Ferne.

Doch mit mahnenden Worten des Präsidenten allein ist es nicht getan. Allein Amerika hat es in der Hand, den auswanderungswilligen Sowjetjuden – angesichts des wachsenden Nationalismus im Gorbatschow-Reich von immer offenerem Antisemitismus bedroht – einen rettenden Hort aufzutun: entweder indem es seine eigenen Grenzen für sie wieder öffnet oder indem es die Regierung Schamir zwingt, die Ansiedlung auf rechtmäßig israelischen Grund und Boden zu beschränken. An Druckmitteln fehlt es Washington nicht. Das kleine Israel kann allein die hocherwünschte Masseneinwanderung gar nicht finanzieren.

Israels raison d’être besteht darin, Juden aus aller Welt aufzunehmen. Gerade diesen Existenzzweck gefährdet Schamir, wenn er darauf beharrt, Einwanderer auf fremdem Territorium anzusiedeln. Denn über kurz oder lang muß sein Land zum Frieden mit den Palästinensern und den arabischen Nachbarn finden. Heimatsuchende Juden wollen einen sicheren Hafen und keine bewaffnete Festung ansteuern. F.G.