Von Gerhard Spörl

Dresden, im März

Willy Brandt ist viel unterwegs in der „bisherigen DDR“, wie er im Vorgriff trocken und selbstverständlich sagt. Einiges von dem, was da zusammenwächst, ist ihm noch neu. Von Thüringen habe er bisher recht wenig gekannt, sinniert er, im weinroten BMW sitzend, und schaut aus dem Fenster auf die vorbeifliegenden Felder und die geduckten Dörfer in hügeliger Landschaft. Ja, ans stolze sächsische Dresden mit seinem Hang zur Selbstbeweihräucherung tauchen Erinnerungen auf. Ziemlich genau 57 Jahre ist es her, daß er zum ersten Mal in der Stadt eintraf, „um mich mit Freunden zu treffen“. Es bestand schon Gefahr für Leib und Leben. Also drückte er sich, der im Jahre zuvor das Abitur bestanden hatte, seine Pennälermütze zur Tarnung auf den Kopf. Drei Jahre später, im Herbst 1936, stieg er noch einmal für ein paar Stunden aus dem Zug, nun ein Illegaler, konspirativ unterwegs nach Prag. Das alte Dresden, das nicht mehr ist, habe sich ihm eingeprägt. Und eine deutsche, eine europäische Kulturstadt werde es bald wieder sein, nicht die alte, versteht sich, aber eben eine neue, schreibt er sich für seine Rede auf: Variationen auf sein Leitmotiv.

Über deutsche Geschichte und Episoden aus Deutschland redet Brandt gerne, ohne sich darin zu verlieren. Was sich so süffig anhört, was befreiendes Lachen hervorruft, ist sehr subtil und vorsichtig zweckgebunden. Fast im Plauderton führt er die vierzig Jahre DDR-Geschichte, „Entmündigung und Entwürdigung“ durch den „Stasinismus“, in größere Zusammenhänge ein und erleichtert den 50 000 im kalten Abendwind auf dem Dresdener Altmarkt das Herz. Sie sind zerrissen wie die ganze DDR, gelähmt in der Wartezeit bis zur Wahl, getrieben von Hoffnungen und mehr noch von der Angst, was daraus entsteht und was aus ihnen wird, sobald zusammengehört, was mehr schlecht als recht zusammenwächst. Wie Brandt die Worte setzt, erscheint das Schwere weniger schwer. Es gab ein Davor und es gibt ein Danach, bedeutet er ihnen. Dafür, daß es vorangeht, „haben Sie ja hier selber gesorgt, und nicht etwa wir drüben – meinen Respekt dafür, und danke schön auch“. Es werde schwer werden und es gehe nicht von heute auf morgen, warnt er vor Selbsttäuschung. Aber gemessen „an den vierzig Jahren, die hinter Ihnen liegen, ist das, was vor Ihnen liegt, nicht ganz so schlimm“. Das ist ein Labsal für jene, die nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht.

Gewöhnlichen Wahlkampf möchte er nicht betreiben. Und er betreibt ihn auch nicht. Das brächte ihn um seine beste Wirkung. Er zieht seine eigenen Kreise. In diesem Deutschland in diesen Tagen ist er mittendrin und ganz bei sich selbst. Er knüpft als Redner an seine besten Zeiten an, an die Jahre als Regierender Bürgermeister. Die Zerrissenen mit sich zu versöhnen und ihnen zu .helfen, „nach vorne“ zu schauen – Ähnlichkeiten zwischen dem Berlin der fünfziger Jahre und der DDR von heute liegen auf der Hand. Das aufgeklärt Evangelische ist angemessen, weil die Dresdener, die Erfurter und die Geraer stark im Protestantismus wurzeln und sich nur mit großem Widerstreben aus ihm herausreißen lassen.

Brandt bewegt sich auf eigenen Umlaufbahnen und findet sich nicht zufällig im Zentrum wieder. Er bietet den Kontrast. Er kämpft nicht um eigene Macht. Er will kein Amt für sich selber, es sei denn etwas Ehrenvolles wie das Präsidium in einem parlamentarischen Rat, den ins Leben zu rufen er richtig fände, ohne allzu fest darauf zu pochen. Er stellt sich in der „Noch-DDR“ vor als jemand, der „in erster Linie als Deutscher-West kommt, der sagt, erste Bürgerpflicht ist jetzt, füreinander einzustehen“. Man nimmt es ihm ab, weil er sich den Menschen und den Dingen zuwendet. Allzu viele andere nehmen die DDR für sich in Anspruch. Dies trägt nur bei zur aggressiven Apathie und läßt die Niedergeschlagenheit nicht weichen.

Für die Einheit muß Helmut Kohl sorgen. Machtpolitik ist sein Feld. Für die Moral und das Menschliche ist Willy Brandt zuständig. Der eine kommt dem Wunsch nach dem Materiellen entgegen, der andere läßt das Ideelle nicht in Vergessenheit geraten. Kohl drängt, fordert und lockt. Brandt umwirbt, macht Anmerkungen, zollt Respekt. Das ungleiche Paar, der amtierende Kanzler und sein Vor-Vorgänger, sind die eigentlichen Gegenspieler in diesem merkwürdigen Wahlkampf.