Von Christian Thomas

Rheda-Wiedenbrück

Ach, wenn der Narr nur wüßte. Unschuldig tritt er an die Rampe und erzählt: „Als ich noch ein Dreikäsehoch war, / Mit Heho, mit Regen und Wind, / War so ’n närrisch Ding nur zum Spielen da, / Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag.“ So singt der Narr, der Gefolgsmann der schönen Gräfin Olivia, sein melancholisches Lied der Erinnerung in Shakespeares „Was ihr wollt“.

Das war vor knapp zwei Jahren – auf einer grünen Wiese in Wiedenbrück. Einige Monate zuvor, im Frühjahr 1988, war hier ein erstaunliches Theater errichtet worden – ein zwölfeckiger Bau, weiß angemalt, an den Kanten mit goldener Farbe abgesetzt und drinnen die Bühne, unter freiem Himmel. Eine Rekonstruktion von Shakespeares legendärem „Globe Theatre“, einzigartig in Europa. Noch nicht einmal in London ist bisher ein Wiederaufbau geglückt. Seit dem Herbst 1988 steht das Wiedenbrücker Globe leer. Und seit dieser Zeit bietet die Globe-GmbH die außergewöhnliche Immobilie für nicht ganz eine Million Mark zum Verkauf an – vergeblich: Keiner will sie haben. Das liegt nicht nur daran, daß der Regen „jeglichen Tag“ auf die Zuschauer und Schauspieler herabregnen kann, die Bühne also nicht ganzjährig bespielbar ist.

Immer wieder hat es Interessenten für das Globe gegeben, Städte wie Bochum oder Nürnberg haben sich für dieses Theater interessiert. Immer wieder aber gab es Absagen, schmerzliche Absagen wie die von den Stadtvätern von Rheda-Wiedenbrück. Die haben nie so recht einen Zugang zu dem kleinen Theater gefunden. Im Gegenteil, in Rheda-Wiedenbrück ist das Globe-ein Zankapfel.

Rheda-Wiedenbrück ist eine kleine Stadt, ungefähr 38 000 Einwohner, exakt siebzig Meter über dem Meeresspiegel, die etwa auf halber Strecke zwischen Dortmund und Bielefeld liegt. Im Frühjahr 1988 richten die stolzen Stadtväter die zweite nordrhein-westfälische Landesgartenschau aus. Ein Blumenmeer ist Rheda und hat sogar ein Riesenrad. In Wiedenbrück aber entsteht, auf einer grünen Wiese, fast ein kleines Weltwunder. 1,3 Millionen Mark hat sich der Wiedenbrücker Gewerbeverein, ein Zusammenschluß von Kaufleuten, sein närrisch Ding kosten lassen. Und da war er wieder, der alte Zwist in der geteilten Stadt. Rheda ist seit Jahrhunderten „schwer protestantisch“, wie man hier sagt. Gegner mokieren sich über die Rhedenser, denen der Glaube jeden Hang zum Tand und leichtfertigen Spiel verbiete. Im Zuge der kommunalen Neugliederung in Nordrhein-Westfalen wurde Rheda 1970 dem „schwer katholischen“ Wiedenbrück zugeschlagen. Noch heute ziehen diesseits und jenseits der Stadtgrenzen gute Patrioten auf, wenn kniffelige politische Entscheidungen einen der beiden Ortsteile zu begünstigen scheinen. So war es auch im Sommer 1988, als die Wiedenbrücker ihr Theater bauten und der im Rathaus von Rheda residierenden Verwaltung die Show stahlen.

Weh tat in Rheda der Satz des nordrhein-westfälischen Kultusministers Hans Schwier, der die „Kühnheit“ der Globe-Betreiber lobte. Fritz Wilhelm Held, Pressesprecher der Doppelstadt, räumt ein, daß die Bewohner von Rheda „eifersüchtig auf die Wiedenbrücker Attraktion“ waren. Aber, so gibt er zu bedenken: Das „großspurige Auftreten“ der Globe-Betreiber, ihre ostentativen Hinweise auf eine hervorragende überregionale Presse (angesichts einer zurückhaltenden Lokalpresse), ihre Sticheleien gegen den in der Stadt waltenden Kleingeist – damit schufen sich die Theater-Enthusiasten Gegner, und so war es denn auch keine Überraschung, als der Rat im Juni 1989 entschied, das Globe nicht zu kaufen – was, wie Held betont, ein Beschluß war, bei dem man sich aber vollkommen von der Vorgeschichte hatte freimachen können, weil man sich doch nur von wirtschaftlichen Überlegungen leiten ließ. Held, die Mehrheitsmeinung im Rat wiedergebend: „Das Globe rechnet sich nicht für eine so kleine Stadt.“