Der eine bekam seine Artikel immer so ins Blatt, wie er sie in der ersten Fassung schrieb, und selten gab es Kritik oder Anregungen; dem anderen wurden die Ausbildungstage wegen Personalmangels gestrichen; ein dritter mußte anderthalb Monate nach Ausbildungsbeginn vier Wochen lang ein Ressort leiten. Von Erfahrungen wie diesen berichteten Volontäre an Tageszeitungen, als der Deutsche Journalistenverband (DJV) vor zwei Jahren eine Umfrage zur Ausbildung des Journalisten-Nachwuchses machte.

Fast jeder zweite Befragte war der Meinung, keine ordentliche Ausbildung zu erhalten. „Noch immer gleicht das Volontariat einer Hängepartie – ungewisser Verlauf, von Zufälligkeiten geprägt“, befand der Verband. Geht es nach dem Willen des DJV und der DGB-Gewerkschaft IG Medien, soll die Hängepartie noch dieses Jahr beendet werden: Vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) fordern sie einen Tarifvertrag für Volontäre, in dem genau festgelegt wird, wie die Ausbildung auszusehen hat – welche Ressorts die Volontäre absolvieren müssen, wann es Seminare gibt, und welcher Stoff dort unterrichtet werden soll. Sechsmal haben sich Verleger und Gewerkschaften bisher getroffen; am Dienstag und Mittwoch nächster Woche wird in Frankfurt weiterverhandelt. Eine Einigung ist nicht in Sicht, und die Gewerkschaften drohen mit Streik.

Nach Ansicht der Verleger hat die IG Medien schon immer Schwierigkeiten mit der privatwirtschaftlich verfaßten Presse gehabt. Dirk Michael Barton, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des BDZV, argumentiert: „Und nirgendwo lassen sich gesellschaftspolitische Ziele so trefflich durchsetzen wie bei der Aus- und Fortbildung.“ Da würden die Verleger keinen Tarifvertrag abschließen und sich auf diese Weise als Türöffner betätigen. Statt dessen wollen sie eine „Programmatische Grundsatzerklärung“ anbieten, in der man sich über den Inhalt der Journalisten-Ausbildung verständigen könnte. „Wir haben ja unseren Einfluß auf die Verlage und hoffen daher, daß diese dann auch eingehalten wird“, sagt Barton.

Eben dieses Prinzip Hoffnung ist den Gewerkschaften zuwenig. „Wir hatten bereits 1969 mit den Verlegern Ausbildungs-Richtlinien vereinbart“, sagt Ulrike Kaiser, vom DJV in Bonn. „Und die wurden von vielen Verlagen dann doch nicht eingehalten. Warum sollte das jetzt anders sein?“ Auch die „Bindenden Grundsätze“ fürs Volontariat, welche die Verleger 1982 einseitig proklamierten, reichen den Gewerkschaften nicht aus – ihnen gehen die Vorstellungen zur Ausbildung darin nicht weit genug, und sie bestreiten, daß die Grundsätze tatsächlich „bindend“ sind: Bei der DJV-Umfrage antworteten zehn Prozent der Befragten, die Grundsätze seien definitiv nicht Teil des Vertrages; zwanzig Prozent sagten, ihnen sei davon nichts bekannt.

Was die Kontrahenten in Sachgesprächen nicht regeln konnten, soll nun mit juristischen Argumenten erreicht werden. Die Verleger berufen sich auf ein Gutachten, das der Kölner Arbeitsrechtler Professor Peter Hanau in ihrem Auftrag angefertigt hat; darin kommt er zu dem Schluß, die Tarifparteien könnten in Tarifverträgen lediglich arbeitsrechtliche Fragen klären – die Verleger nennen in einem Rundbrief daraufhin zum Beispiel Festlegungen über die Dauer des Volontariats, die Bezahlung oder die Übernahme nach der Ausbildung. Eine Ausbildungsordnung dagegen habe in einer Tarifvereinbarung nichts zu suchen. Dafür seien nicht die Tarifparteien zuständig, sondern der Staat.

Genau hier liegt für die Gewerkschaften der Kern des Problems. Während es für fast alle Berufe eine staatliche Ausbildungsordnung gibt, in der festgelegt ist, was ein Lehrling alles lernen muß, fehlen solche Vorschriften für Journalisten. Die Bundesregierung hat im Medienbericht 85 ihre Ansicht wiederholt, „eine einheitliche Ausbildung als Zulassungsvoraussetzung“ sei mit der Pressefreiheit nicht zu vereinbaren.

Un per Tarifvertrag nachzuholen, wozu Bonn auf dem Verordnungsweg keine Möglichkeit sieht, haben auch die Gewerkschaften die Gesetzesbücher gewälzt. Die IG Medien beruft sich in einer Stellungnahme zum Hanau-Gutachten auf Artikel 9 des Grundgesetzes und das darin garantierte Recht, „zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden“. Das bedeute, daß Gewerkschaften und Verleger nicht nur über die Dauer des Volontariats Tarifvereinbarungen abschließen dürften, sondern auch über Ausbildungspläne.