Von Joachim Fritz-Vannahme

Paris, im März

Frankreich schaut zu. Die Revolution findet anderswo statt, weit weg auf einer Weltbühne jenseits von Elbe und Oder. Die ersehnte Revolte wird derweil brav im Saal inszeniert. Fast drei Millionen Franzosen strömten in den vergangenen Wochen in Peter Weirs Spielfilm "Der Club der toten Dichter". Die rührende Geschichte vom phantasievollen Professor Keating in der muffigen Welton Academy, der erst seine neuen Schüler für sich und die Poesie gewinnt und darüber am Ende seinen Job verliert, wirkt auf französische Seelen wie ein Aufstand: bewundert von den Halbwüchsigen, bestaunt von den Eliten, die einst im Mai 68 ihre eigene Revolte erleben konnten, ängstlich beäugt von Professoren und Bildungspolitikern. Der Leiter des ehrwürdigen Pariser Elitegymnasiums Louis le Grand, das seine Schüler wie die Welton Academy in düsterem Gemäuer empfängt, fürchtet in einem vielzitierten Interview schon verderblichen Einfluß, wecke doch Keating mit der Neugier der Pennäler auch einen ausgeprägten Individualismus ...

Dabei täten Eigensinn und Phantasie durchaus Not in einem wie betäubt daliegenden Frankreich. "Hier fehlt es heute am kollektiven Ehrgeiz, an einer Utopie der Hoffnung", diagnostiziert der Politologe und Leitartikler Alain Duhamel. "Die Antwort darauf liegt in der Phantasie der Menschen, nicht in der Biographie eines berühmten Toten." Gemeint ist General de Gaulle, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird. Wo sie in seltener Einigkeit rechts wie links sein Andenken zelebrieren, halten die Franzosen auch eine Idee von Frankreich hoch – ein Frankreich mit Rang in der Welt, das Ansehen und Ehre selbst in schwieriger Stunde zu verteidigen weiß.

"Man mag mich zu einem Leben ohne Glück verdammen, nie aber wird man mich zu einem Leben ohne Ehre zwingen können." Diese Maxime wurde viel beklatscht. Sie stammt freilich nicht vom berühmten politischen Einzelgänger, sondern vom romantischen Haudegen Cyrano de Bergerac, der den Franzosen soviel bedeutet wie den Schweizern ihr Teil. Den philosophierenden und dichtenden Theaterhelden, glücklos verliebt und gründlich gescheitert, spielen in diesen Wochen zwei der berühmtesten Schauspieler Frankreichs, Jean-Paul Belmondo vor ausverkauftem Haus auf den Champs-Elysees und Gérard Depardieu in einer aufwendigen Verfilmung. Die Presse nimmt dieses doppelte Comeback von Edmond Rostands tragikomischem Helden mit der langen Nase und dem großen Herzen für ein Zeitzeichen. Schließlich geht es in den Alexandrinern des hundertjährigen Stücks um Ehre in widriger Zeit und ein Lachen in aussichtsloser Lage. "Uns fehlt ein Cyrano", klagte in einem politischen Kommentar das Wochenmagazin L’Evénement du Jeudi, "bot doch sein Talent zum Sieger und Frondeur zu Rostands Zeit einem gedemütigten Frankreich (nach dem Krieg von 1871) erste Entlastung von einer allzu lange verinnerlichten Niederlage."

Doch welche Niederlage läßt die Franzosen heute im Fauteuil träumen vom aufständischen Tanz auf Schultischen oder von schmissigen Reimen gegen den Weltenlauf? Welcher Schreck treibt ihre Politiker derzeit ins Schneckenhaus zurück? Marode wirkt die parlamentarische Rechte, melancholisch die regierende Linke, moribund das letzte Häuflein Kommunisten: ein Bild zum Erbarmen und Empören bietet diese classe politique mit ihren Krisen und Kabalen.

Im neogaullistischen Rassemblement pour la Republique probte pünktlich zum Geburtstag des Generals der Rechtsaußen Charles Pasqua den Aufstand. Ihm war der ehemalige Premierminister Jacques Chirac als Parteiführer zu lau, nur Verwalter, nicht Boß. Schlimmer noch, Chirac paßte sich an die liberalkonservative Konkurrenz der Union pour la Democratie Française an, wo er sich mit Technokraten der Pariser Szene wie dem aalglatten Generalsekretär Alain Juppé oder der adretten Michèle Barzach umgab. Dem hemdsärmeligen Pasqua erschien das wie eine Abkehr vom wirklichen Frankreich. Am Ende wurde Chirac zum Damenopfer gezwungen, um sich und Juppé zu halten. Von Frankreich oder dem Rest der Welt aber war während der ganzen Palastintrige nie die Rede.