Von Fritz J. Raddatz

Der trockene Titel dieses Buches und sein härenes Gewand täuschen: Dahinter verbirgt sich eine hochexplosive Studie zur Geschichte der Weimarer Republik. Es ist die akribische, mit zum Teil verblüffenden wie erschreckenden Details aufwartende Darstellung einer weithin unbekannt gebliebenen "vorbereitenden Machtübernahme": des planmäßigen Besetzens publizistischer Positionen durch völkisch-nationalistische Organisationen, die – wie der Jugendverband der von Andreas Meyer analysierten Gewerkschaft – den 30. Januar 1933 konsequenterweise als "den Tag der Freiheit und der Rache" begrüßten.

Der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband (DHV), 1893 von Mitgliedern der antisemitischen Deutschsozialen Volkspartei gegründet – keine Frauen und keine Juden –, war die größte Angestelltengewerkschaft Deutschlands, sogar der Welt. Entsprechend ihrem antirepublikanischen Impetus, dessen Hauptziel die Überwindung des demokratischen Systems der Weimarer Republik war, galt gleich nach dem Ersten Weltkrieg Mussolini als Prototyp der gewünschten Führergestalt; weniger die Mitgliederzahl von circa 400 000 war entscheidend als die mit einem gigantischen Apparat betriebene (externe wie interne) "Bildungsarbeit", die eine zeitgenossische Quelle bilanziert: "Die Reden und Proklamationen der Verbandsleitung enthielten die gleichen Argumente, die sich zwischen 1929 und 1933 auch in Hitlers Reden fanden."

Die Macht dieser Gewerkschaft, deren trutzige Zentrale noch heute am Hamburger Holstentor zu bewundern ist, basierte auf ihren personellen Verbindungen zur Industrie wie in höchste Funktionsebenen der Politik, beides ineinander verschränkt durch enormen Eigenbesitz an Grundstücken, Häusern oder etwa dem Versicherungskonzern Deutscher Ring (Versicherungsbestand 350 Millionen Mark), der sich so definierte: "Es galt, den Verbandsmitgliedern zu ermöglichen, ihre Lebensversicherungen bei einer judenfreien Gesellschaft abzuschließen. Jüdisches Bankkapital hatte gerade in diesem Geschäftszweig bis zum Frühjahr 1933 einen überragenden Einfluß. Da das Versicherungsgeschäft als eine kapitalistische Schlüsselstellung angesehen werden muß, so war ein Einbruch in diese Stellung von höchster national-politischer Bedeutung." Die ökonomische Macht des DHV wurde gelegentlich mit der der IG Farben verglichen – und sie wurde unbedenklich, über Verbindungen zum "Stahlhelm" und zur NSDAP, für seine politischen Ziele eingesetzt: "Ein Freund des DHV in der Reichsleitung [der NSDAP] war der Reichsschatzmeister Schwarz. Seine ‚Freundschaft‘ hatte nicht ich eingeworben, sondern der ‚Wirtschaftsdiktator‘ des DHV, der Generaldirektor Winter. Zwischen ihm und Schwarz bestanden geschäftliche Arbeitsbeziehungen, die sich aus der Ruckversicherung der SA-Versicherung beim ‚Deutschen Ring‘ herleiteten." (Albert Krebs, Gauleiter der Hamburger NSDAP und Mitarbeiter der allgemeinen Bildungsabteilung des DHV)

Sehr bald begriff man offenbar, daß man sich auch eine publizistische Hausmacht schaffen mußte. Hier liegt das Verdienst der vorliegenden Untersuchung von Andreas Meyer: Das Ausmaß der buchhändlerischen, verlegerischen und publizistischen Unternehmungen dieser schwarz-braunen Krake war selbst von kritischen Beobachtern in der Weimarer Republik (etwa Morus in der Weltbuhne) unerkannt geblieben; das jetzt zusammengetragene und präsentierte Material erschlägt – im doppelten Sinne des Wortes.

Die verbandseigene Buchgemeinschaft Deutsche Hausbücherei – "... bringt nur Bücher von rein deutschen Verfassern, die auf dem Boden gesunden und kräftigen Volkstums stehen" – versammelt früh solche Autoren, die nach 1933 "Speer und Spitze" des Dritten Reiches sein werden; nicht etwa zufällig, sondern bewußt als Kampftruppe zusammengefügt: "Siegreich marschiert unsere Front. Die Dichter und Schriftsteller, die sich als deutsch bewährt haben, sind mit ihren Werken bei uns. [...] Unsere feste geistige Front drängt machtvoll alles Undeutsche, Untüchtige zurück und macht unser Leben frei, um ungehindert aus den Kräften unseres Volkstums leben zu können. Die großen Namen unserer Mitarbeiter führen uns. Wer die Werke etwa eines Hans Grimm, E. G. Kolbenheyer, Wilhelm Schäfer, Will Vesper, einer Handel-Mazzetti liest – um nur einige zu nennen –, gewinnt unverlierbare Kraft und Freude. Männer wie diese stehen im täglichen Kampf um den Aufstieg der Nation und zeugen in ihren Dichtungen davon. [...] Die deutsche Hausbücherei bringt keine Werke volksfremder Bücherschreiber. Deutschen kann nur von Deutschen geholfen werden. [...] Nicht jedes in deutscher Sprache geschriebene Buch ist auch ein deutsches Buch; nicht jeder in deutscher Sprache schreibende Schriftsteller ist auch ein deutscher Schriftsteller."

Unter den 79 Verbandszeitschriften ragt vor allem das Deutsche Volkstum des Wilhelm Stapel heraus, stramm völkisch ein schönes Pendant zu der von Will Vesper herausgegebenen Die schone Literatur (1928 zusammen mit dem Avenarius-Verlag gekauft).