Von Barbara Ungeheuer

Honey, du darfst das doch gar nicht essen", sagt die Frau des Chefs eines Getränkemultis. Einen kurzen Augenblick lang trauen Mr. G. seinem flugs abgetragenen Omelett nach. Dann aber zerknirscht er zügig die in Magermilch schwimmenden Cornflakes – cholesterinfrei beginnt der Tag.

Es ist acht Uhr morgens in Snowbird, dem Skiparadies von Utah. Während die abgeschossenen Lawinen vom 3000 Meter hohen Gipfel ins Tal donnern, sitzen die Chefs von vier amerikanischen Großfirmen und acht Direktoren großer Privatbanken beim gemeinsamen Frühstück, Gattinnen inklusive. Tatenlos stehen die Köche hinter ihren Waffeleisen und Eierseen, unangetastet bleiben der norwegische Lachs, die Käse- und Südfruchtmeile. Schnellen Absatz dagegen findet das Wall Street Journal. Denn dort auf Seite eins steht eine Meldung, die den Managern lauter als die Schneelawinen in den Ohren grollt: Drexel Burnham, eine der profitabelsten Privatbanken der Wall Street, hat Konkurs angemeldet. Während einige Firmenchefs die Stirn runzeln, ist bei den Investmentbanken eine gewissen Schadenfreude zu erkennen – ein bedeutender Konkurrenzladen macht dicht.

Daß die Pleite einer Bank, die noch wenige Wochen vor der Konkursanmeldung 350 Millionen Dollar Jahresprovision an ihre leitenden Angestellten ausschüttete, den Beginn einer neuen Eiszeit im Geschäftsklima der Wall Street anzeigen könnte, steht in Snowbird nicht zur Debatte. Man ist hier im Firmen- oder Privatjet der Einladung eines Investmentbankers gefolgt, um Sport und Spaß zu treiben und sonst gar nichts.

Derartige Parties – ob im Schnee oder auf dem Golfplatz, im kalifornischen Tenniscamp oder im Hotel "Cipriani" in Venedig – gehören seit Jahren zum festen Arbeitspensum amerikanischer Manager. Die lockeren Treffs en famille und de Luxe sollen nämlich, so lautet die Geschäftsdevise, die Schamschwelle heruntersetzen, die so mancher Firmenboß überqueren muß, wenn es eine Fusion zu avisieren gibt. Daher scheut der Privatbankier in seiner Rolle als Heiratsmakler auch keine Mühe oder Kosten, jene entspannte Atmosphäre zu schaffen, in der sich Partnerschaften anbahnen lassen. Kommt es zur Hochzeit, dann wird ihm sein Einsatz millionenfach heimgezahlt. Dessen konnte er seine Aktionäre schon seit langem und immer wieder vergewissern, so daß in seinem Rechenschaftsbericht die hohen PR-Kosten selten bemäkelt wurden.

Jetzt, da die Blüten des Exzesses faule Früchte zu treiben beginnen und selbst eine amerikanische Ikone wie das Kaufhaus Bloomingdales’ unter den Hammer gekommen ist, wird die Kritik an der gesamten Firmenkultur immer lauter.

Der goldene Putz der Reagan-Ära blättert fetzenweise ab. Dafür haben allerdings die Akteure des Marktes eigenhändig gesorgt. Seit 1986 folgte auf jeden Betrugsskandal im Börsengeschäft ein größerer. Als schließlich letztes Jahr auch Michael Milken – gefeiertes Finanzgenie, denn er hatte die "Schrottanleihe" zum akzeptablen Finanzierungsinstrument hochgestylt – wegen Insider-Handel und Aktienkursmanipulation angeklagt wurde, brach sich die Wut auf den Filz und das Fett in der Finanzindustrie öffentlich und vehement Bahn. Lange hat es gedauert, bis die Medien damit begannen, den Lebensstil und das Geschäftsgebaren der amerikanischen Wirtschaftsbosse zu kritisieren. Dem Schriftsteller Tom Wolfe blieb es überlassen, mit dem Portrait des Anleihenhändlers Sherman McCoy in seinem Bestseller "Fegefeuer der Eitelkeiten" als erster den Statusverfall der Börsenspieler vorauszusagen.