Papier! Papier! Zeitungen! Flugblätter! Programme! Statute! Keine Zeit für Literatur. Wer doch zu Büchern kommt, will aus dem ganzen Rummel fort. Aufklärung durch Kunst, das erhofft sich derzeit keiner, nicht mal von Büchern, auf die er lange warten mußte.

Ist es ein Makel, ist es ein Reiz, daß wir vieles, was Heym vom Juni 1953 erzählt, seit letztem Herbst in viel größeren Dimensionen kennen? Auch aus anderen, arteigenen Gründen wird „5 Tage im Juni“ der Erwartung nicht ganz gerecht. Das Buch ist keine große Lektüre, kein wirklich verdichteter Text, mehr ein politischer Action-Thriller, dessen Autor sich gern seinem Drang zu kolportieren überläßt. Die Charaktere sind typisiert, und was sie, mit verteilten Rollen, sagen, hört sich wie im Drehbuch an.

„Ich habe versucht, die Reden der Funktionäre so wiederzugeben, daß daraus ihr Charakter zu erkennen ist“, erläuterte Heym unlängst im Sonntag. „Aber es ist mir nie gelungen, das ganze Funktionärs-Chinesisch in seiner ganzen Breite und Schönheit nachzuahmen.“ Kolportage auch andere Figuren: Heinz Hofer, der Lude, Fred Gadebusch, Gudrun Kasischke alias Goodie Cass, deren Erwägungen über die Dinge des Lebens den erfreuten Leser an Tucholsky erinnern: „Wenn man in einem eleganten Hotel sitzt, ist man selbst elegant.“ Und wenn man in einem sozialistischen Ländchen lebt... Hier ist sie Gudrun Kasischke, drüben, in West-Berlin, Goodie Cass – die junge DDR hatte es schwer mit ihren à tempo sozialistisch angelernten Bürgern. Wer wollte denn diesen Staat?

Nach bundesdeutscher Lesart war der 17. Juni 1953 ein deutscher Arbeiteraufstand im Lande der roten Knechtschaft und wert, sich daran jährlich mit einem „Tag der deutschen Einheit“ zu erinnern. Uns hier sprach man von Konterrevolution: die Normen-Politik der Regierung ein Fehler, aber dann die Streikhetze des Rias, die eingeschleusten Westberliner Elemente ...

„Ich halte die ‚Fünf Tage im Juni‘ für die bis heute beste und gerechteste Darstellung der damaligen Ereignisse“, urteilte Stephan Hermlin 1988 in der Wochenpost, der DDR-Edition um anderthalb Jahre vorgreifend. Heym sei den Legenden beider Seiten entgegengetreten.

Tatsächlich, der Text laviert zwischen Skylla und Charybdis des Kalten Krieges. Unseren Klippen kommt er näher, aber Schiffbruch bleibt aus, dank eines fähigen Steuermanns: Heyms Identifikationsfigur Witte, Parteisekretär im VEB Merkur, ist nach Tun und Trachten der Idealkader eines demokratischen Sozialismus, idealistisch im Kopf und kräftig bei der Hand, volksnah, menschlich, kompetent für die kalkulierte Utopie. Aber die offenen Grenzen. Drüben winkt reicheres Leben.

Heym dokumentiert viel: Reden, Radiosendungen, Nachrichten, Weisungen aus Ost und West. Recherche ist geleitet, die Fakten sind da. Das macht das Buch authentisch. Heym ist Partei. Das macht das Buch verbindlich. „5 Tage im Juni“ – auch ein Appell „Für unser Land“.