Die Vereinigung Deutschlands dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Anläßlich des vierzigsten Jubiläums der beiden deutschen Staaten hätte das niemand zu prophezeien gewagt. Es ist eine Paradoxie: Ende der achtziger Jahre nahm die Wiedervereinigung plötzlich greifbare Gestalt an, obwohl kaum jemand davon sprach; in den fünfziger Jahren vertiefte sich hingegen die Spaltung ungeachtet allen Wiedervereinigungsgeredes immer mehr. In einer neuen Studie wird das Verhältnis von Entspannung und Wiedervereinigung in den fünfziger Jahren beleuchtet.

Aufbruch zur Entspannungspolitik Bouvier Verlag, Bonn 1990; 58 Der Titel "Gezeitenwechsel" ist in gewisser Weise ein Etikettenschwindel. Der von HansDietrich Genscher geprägte Begriff bezieht sich auf die jüngste weltpolitische Entwicklung, die eine Entspannungspolitik großen Stils indiziert. Davon ist in diesem Buch jedoch nicht die Rede. Es geht vielmehr um die Anfänge der Entspannungspolitik. Diese, und das ist ein überraschendes Ergebnis, ortet der Autor nicht in der zweiten Hälfte der sechziger, sondern in der ersten der fünfziger Jahre. Er vertritt die prima fade kühne These, Adenauer habe entspannungspolitisches Denken an den Tag gelegt.

So belegt Siebenmorgen, daß die ersten Verwendungen des Entspannungsbegriffs auf Adenauer zurückgehen, und zwar bereits im Jahre 1951. Zur Jahreswende 195152 äußerte er in einem Interview: "Mein erstes Anliegen ist die Sicherung des Friedens. Ich glaube, daß der von der Bundesregierung beschrittene Weg des europäischen Zusammenschlusses zu diesem Ziel führen wird. Wenn die Völker Europas, gestützt auf das Vertrauen und die Hilfe, die ihnen die übrigen freien Länder, insbesondere die Vereinigten Staaten, gewähren, wieder zum Bewußtsein ihrer Stärke kommen, wird die Furcht vor einer möglichen Aggression weichen. Dann wird der Zeitpunkt für eine Entspannung im Ost West Konflikt gekommen sein "

Was das — wieder aktuell gewordene — Problem der Neutralisierung der beiden deutschen Staaten angeht, spricht Siebenmorgen nicht von einer "verpaßten Chance". Wenn ein neutrales Deutschland nicht wünschenswert erschien, so entfiel die Notwendigkeit, die Ernsthaftigkeit der Stalin Note aus dem Jahre 1952 auszuloten. Was bei der SPD die "Magnettheorie" war (ein wirtschaftlich prosperierendes Westdeutschland übe eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf den östlichen Teil Deutschlands aus), das habe für Adenauer die "Politik der Stärke" bedeutet. Nach Siebenmorgen stand Adenauers Konzept der Politik der Stärke in keinem Gegensatz zu seiner entspannungspolitischen Konzeption. Die defensiv verstandene Politik der Stärke war kein Selbstzweck, sollte vielmehr die Sowjetunion an den Verhandlungstisch zwingen. Nur in einer Phase der Entspannung wachse die Möglichkeit für eine Wiedervereinigung. Adenauer sah keinen Widerspruch zwischen Westintegration und Wiedervereinigung. Erst die Westintegration schafft die Voraussetzung für ein Engagement der drei Westmächte zugunsten eines vereinten Deutschland. Die Sowjetunion werde sich auf Dauer dem Wunsch der Deutschen, in einem Land zu leben, nicht versagen können. Der Formulierung Adenauers vom 1. Januar 1956 wohnt ein hohes Maß an Aktualität inne: "Wir müssen gemeinsam mit den Westmächten die Sowjetunion davon überzeugen , daß eine wechselseitig garantierte Sicherheit ihrem Sicherheitsbedürfnis volle Rechnung trägt und daß die Beseitigung der Spaltung Deutschlands auch in ihrem Interesse liegt " Subtil wird die Rolle des Antikommunismus im Hinblick auf das entspannungspolitische Denken eingefangen. Siebenmorgen wendet sich mit überzeugenden Argumenten gegen die These, Adenauer habe vor lauter antikommunistischem Eifer Chancen verspielt. Sein Antikommunismus schloß Pragmatismus nicht aus. So ging er 1955 auf das sowjetische Angebot ein, diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Er ließ später den umtriebigen und zuweilen eigenmächtig handelnden Botschafter Hans Kroll in Moskau lange Zeit auf seinem Platz, auch gegen den Widerstand zahlreicher Unionspolitiker, die den Rücktritt des geschäftigen Emissärs nachhaltig forderten. Und im Jahre 1957 wandte der Realpolitiker sich entschieden gegen Vorschläge aus den eigenen Reihen, den Sitz der Bundesregierung nach Berlin zu verlegen oder doch zumindest die konstituierende Sitzung des Bundestages dort abzuhalten "Wir provozieren nur Das ist doch für die Russen provozierend. Wir müssen mit den Russen doch eines Tages wieder zusammenkommen. Warum sollten wir dann so etwas tun, was die Leute ärgert, ohne daß wir etwas davon haben?"

Laut Siebenmorgen war der ostpolitische Bewegungs- und Handlungsspielraum der Bundesregierung eng. Aber hat diese sich nicht selber Fesseln angelegt, denkt man beispielsweise an die Hallstein Doktrin? Eine solche Frage bleibt so gut wie ausgespart. Jedenfalls kommt es einem Euphemismus gleich, Adenauers in vieler Hinsicht immobile Haltung in der Ostpolitik als behutsam zu charakterisieren. Der Autor kritisiert an der SPD, deren deutschlandpolitische Haltung gleichsam kontrapunktisch erfaßt wird, den "Wiedervereinigungsrigorismus". Insofern konnte sie sich nicht zur Westintegration ohne Wenn und Aber durchringen. In Ost West Verhandlungen müsse über den künftigen Status Deutschlands befunden werden. Im Vordergrund stand die Idee eines kollektiven Sicherheitssystems, bis Herbert Wehner in seiner berühmten Bundestagsrede vom 30. Juni 1960 den Standpunkt der Regierung übernahm. Wehner war es auch, der sich im Jahre 1956 die Auffassung zu eigen machte, eine Wiedervereinigung bedeute nicht bloß die Einverleibung des östlichen Teils. Dortige soziale Errungenschaften müßten gewahrt bleiben. In diesem Sinne diente das Ziel der Wiedervereinigung einer stärker sozialstaatlich orientierten Neugestaltung Deutschlands. Aus dem ursprünglichen "Wiedervereinigungsrigorismus" wurde später ein "Entspannungsperfektionismus". Willy Brandt bahnte nach dem Mauerbau der "Politik der kleinen Schritte" den Weg, um auf diese Weise menschliche Erleichterungen erreichen zu können.

Es war Adenauers unverrückbare Einschätzung, der Schlüssel zur Wiedervereinigung sei in Moskau. Insofern lag ihm wenig an einer Zusammenarbeit mit den osteuropäischen Satellitenstaaten. Die Politiker im anderen Teil Deutschlands, und das kommt in der Studie zu kurz, ignorierte er ganz. Sein "Österreich Vorschlag" für die DDR vom Frühjahr 1958 stieß in der Sowjetunion, wie so manche andere Initiative, jedoch auf Desinteresse. In die Defensive geriet Adenauer, als sich Ende der fünfziger Jahre ein Arrangement der Westmächte mit der Sowjetunion abzeichnete — und damit das Ende des Kalten Krieges. Er vermißte zunehmend den Rückhalt im Westen. In den letzten Wochen seiner Regierungszeit setzte er sich bei den Westmächten für eine EmbargoPolitik gegenüber der Sowjetunion ein, um diese "entspannungsgefügig" zu machen — vergebens. Stand die Strategie der Opposition — jedenfalls anfänglich — unter dem deutschlandzentrierten Motto "Entspannung durch Wiedervereinigung", so ließ sich Adenauers Strategie auf die Formel "Wiedervereinigung durch Entspannung" bringen. Erst durch eine globale Entspannung könne sich eine Wiedervereinigung ergeben. Diese galt nicht als Voraussetzung jener. Immer wieder versuchte der fintenreiche Kanzler die Westmächte für Initiativen zu gewinnen. Als das nicht mehr erfolgversprechend schien, nahm er zu — freilich erfolglosen — ostpolitischen Manövern Zuflucht. Ein Hintertreiber der Wiedervereinigung war Adenauer gewiß nicht, auch wenn man die ins andere Extrem gewendete Lesart Siebenmorgens für übertrieben halten mag: "Jedenfalls legen die vielfältigen und zahlreichen direkten Vorstöße, die internen Überlegungen und Planungen der Deutschlandpolitik Adenauers keine Schlußfolgerung näher als diejenige, daß ihm die Deutsche Frage sehr am Herzen lag "

Hat Adenauers angefeindete Konzeption der Politik der Stärke letztlich doch gesiegt? Die jetzige Entwicklung ist gewiß auch ein Ergebnis der Adenauerschen Beharrlichkeit. Aber eine monokausale Argumentation wäre irrig. Schließlich hat die Entspannungspolitik der sozial liberalen Ära, die sich als "Entspannung durch Wiedervereinigungsverzicht" apostrophieren läßt, ebenso ihren Anteil an der Unterminierung des kommunistischen Herrschaftssystems, von Gorbatschows Rolle ganz abgesehen.