Vorbei die Zeiten, da westliche Journalisten einer positiven Nachricht aus der Sowjetunion mit tiefstem Mißtrauen begegneten. Heute eilt jede frohe Botschaft aus Moskau schon im Jubelzug um die Welt, bevor sie noch bestätigt ist. Jüngstes Beispiel: die Parlaments- und Kommunalwahlen in den drei slawischen Kernlanden der Sowjetunion – Rußland, Weißrußland und die Ukraine –, in denen siebzig Prozent der fast 290 Millionen Sowjetbürger leben. Erdrutsch für die demokratische Front, Trend zugunsten der Reformer – so lauteten die ersten Schlagzeilen. Tatsache ist: Nur 74 Kandidaten für die 1068 Sitze im russischen Parlament haben im ersten Wahlgang die erforderliche Stimmenmehrheit erhalten.

Dennoch: die gute Nachricht zuerst. In Moskau erreichten acht Kandidaten bereits im ersten Anlauf ihre Plätze unter den 65 Parlamentssitzen, die der Hauptstadt zustehen. Alle acht sind vom Block Demokratisches Rußland. Im Leningrader Stadtparlament ist der Block Demokratische Wahlen 90 auf dem Weg zur Mehrheit. In Teilen der Ukraine hat die nationale Bewegung Ruch erfolgreich abgeschnitten. Im Kohlezentrum Donbas haben die kommunistischen Spitzenfunktionäre nicht einmal die erste Runde überstanden.

Die weniger gute Nachricht: In vielen Wahlkreisen gab es keine demokratischen Entscheidungen. Im Gebiet Wologda, dicht bei Moskau, hatten zum Beispiel siebzig Prozent der Urnengänger nicht einmal die Wahl zwischen zwei Kandidaten. Mancherorts wurden oppositionelle Bewerber vom Apparat mit illegalen Methoden an der Nominierung gehindert. Und wo es jetzt viele Bewerber um einen Sitz gab, behielten oft nur noch wenige Bürger den Überblick.

Erst die Stich- und Neuwahlen werden zeigen, ob die gute Nachricht nicht von der schlechten überholt wird, daß der Apparat sich weiter viele Grauzonen gesichert habe. C.S.-H.