Von Raimund Hoghe

Den Satz „Wir werden zu alt“, den höre sie schon sehr oft. „Doch wenn es ein konkreter Fall ist, hängen die Leute doch am Leben.“ Sie selbst ist da eher eine Ausnahme. „Zum Leben verurteilt“, überschrieb die 85jährige einen Aufsatz, den sie der ZEIT schickte und in dem sie unter anderem vom täglichen Lebensüberdruß im Alter berichtete, vom Ekel, „den unsere Lebenssattheit erzeugt. Wir sind lebensmüde und beten täglich wie der Herzog von Braunschweig in einem Gedicht: ‚Es ist genug!‘“ Der Untertitel ihres Textes klingt ihr mittlerweile zu pathetisch – „Notschrei einer sehr alten Frau, alleinlebend, aber keineswegs einsam, unbeschäftigt oder aus anderem Grund unglücklich, mit erträglichen Altersbeschwerden, die aber mit Grausen der Wahrscheinlichkeit entgegensieht, noch Jahre auf den Tod warten zu müssen.“

Die Tür zum Balkon steht offen, ein leichter Wind weht in die lichte Altenwohnung hoch über Tübingen. Dr. Hedwig Meier wirkt wie eine Frau von Ende Sechzig. „Das ist natürlich sehr ungerecht, daß es mir so gutgeht, wie es einem mit 85 im allgemeinen nicht geht“, bemerkt sie und fügt gleich darauf hinzu: „Ich habe genug – und bin immer wieder erstaunt, daß dieses Gefühl ganz wenig verbreitet ist. Bis es ihnen recht schlecht geht, finden die Leute das wunderbar und erstrebenswert, so alt zu werden.“ Die vor zwanzig Jahren pensionierte Landgerichtsdirektorin findet es furchtbar. „Allein schon das: Ich falle dem Staat zur Last mit meiner Pension.“ Und Rechtsanspruch hin oder her: „Ich finde das peinlich, daß man Leuten auf der Tasche liegt“, erklärt sie und stellt selbstbewußt fest: „Ich bin doch zu nichts mehr nütze. Ich sehe ein, daß ich an gewissen Stellen fehlen würde, aber Sie wissen ja selbst: Es geht auch ohne einen. Es ist viel verlangt, wenn die Leute immer sagen: ‚Sie dürfen nicht sterben‘ – ich hab’ mein soziales Soll erfüllt.“

„Merkwürdigerweise sind die Lebensmüden, ihren Tod Herbeisehnenden nicht die psychisch oder körperlich Geplagten. Oft hat man den Eindruck, je schlechter es einem Menschen geht, um so mehr hält er am Leben fest“, notiert Hedwig Meier. Ihr ist dieses Festhalten fremd. Die Vorstellung, vielleicht neunzig Jahre alt zu werden, ist ihr ein Greuel. „Ich werde doch nicht neunzig – das kann doch wohl der liebe Gott nicht wollen.“ Erst gegen Ende des Gesprächs nennt sie einen Grund weiterzuleben: die Referate, die sie an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Themen hält. „Das ist das einzige, wo ich denke, ich möchte doch nicht gern morgen sterben – das Referat möchte ich noch fertig machen.“ An anderer Stelle sagt sie: „Ich möchte immer noch lernen“ und: „Ich bin kein permanent unglücklicher Mensch. Im Gegenteil. Andere haben viel mehr Grund, unglücklich zu sein, und sind es auch und klagen auch – und trotzdem hängen sie am Leben.“

Ihr Leben, sagt Hedwig Meier, reiche eigentlich für mehrere Leben. Nur zögernd spricht sie über ihre Biographie. Der noch im Gespräch spürbare familiäre Hintergrund: „typisches Berliner Großbürgertum mit einer starken, einer jüdischen Sippschaft.“ Wenn sie von dieser Familie erzählt, vom Urgroßvater Georg Andreas Reimer, der als Berliner Verleger die Werke der Romantiker publizierte, vom Vater, der starb, als sie acht war, vom Schwager ihrer Mutter, der Anwalt war und in dessen Haus sie und ihre Schwester lange Zeit lebten, wenn sie das Familiengefühl „dieser Riesenfamilie“ erinnert, stellt sie fest: „Ich bin traurig, daß Familie heute in dieser Form nicht mehr existiert – sehen Sie, das sind Dinge, warum ich genug habe. Ich finde es nicht hübsch, den Verfall der Familie zu erleben.“ Das Familiengefühl sei ihr immer sehr wichtig gewesen. „Die nationalen Gefühle sind einem ja schon im Nationalsozialismus völlig abhanden gekommen.“

„Über seine Vergangenheit kann man nicht hinweg“, meint Hedwig Meier an einer Stelle des Gesprächs. Zu ihrer Geschichte gehört auch das frühe Aufbegehren gegen festgelegte Rollen. Sie untergrabe die Autorität, tadelten ihre Lehrer. Deren strenger Zucht wollte sich die Schülerin nicht unterwerfen. Sie fällt auf. „Und wenn man’s nicht mit Leistung tut, dann mit Frechheit.“ Sie muß die Schule verlassen, wird in einen katholischen Orden geschickt, besucht kurz die Handelsschule und zuletzt eine katholische soziale Frauenschule. „Der Rechtsunterricht dort hat mir am meisten Spaß gemacht. Das war meine Sprache. Die wollte ich lernen.“ Nach dem Jurastudium wird sie Assistentin an der juristischen Fakultät in Berlin. Hier lernt sie auch ihren späteren Mann kennen. „Eines Tages wurden alle Assistenten aufgefordert, in den nationalsozialistischen Dozentenbund einzutreten. Am Abend rief Herr Meier an und schlug vor, daß die sich treffen, die nicht eintreten wollten. Wir waren nur vier – insgesamt waren damals 45 Assistenten an der juristischen Fakultät, darunter 20 Juden, die nicht eintreten durften.“

1935 beginnt die promovierte Juristin als Richterin in der Zivilabteilung des Amtsgerichts in Köpenick. „Am 1. April 1935 habe ich angefangen, und am 1. April 1936 wurden alle weiblichen Wesen rausgesetzt – mit der Begründung, Hitler sei eine Mutter mit fünf Kindern lieber als eine Richterin. Ich habe schon damals gedacht: Warum nicht beides?“ Nach ihrer Entlassung aus der Justiz arbeitet sie zunächst in einem Kartellbüro. Bis zur Heirat habe sie noch eine Weile gebraucht – „meinem Mann war es entsetzlich, daß ich katholisch war.“ Nach der katholischen Eheschließung sei sie dann im Grunde nur anderthalb Jahre verheiratet gewesen. „Dann ist mein Mann Soldat geworden und 1939 sofort eingezogen worden.“ Sie sieht ihn nur noch bei Kurzbesuchen. Bei einem Transport in Rußland kommt er 1945 ums Leben. „Ich habe es erst 1951 erfahren, aber es war mir schon nach anderthalb Jahren völlig klar – doch bis ich die Nachricht erhielt, habe ich weiter täglich an ihn geschrieben.“ Mit ihren im Krieg geborenen vier Kindern zieht Hedwig Meier 1944 nach Tübingen, in die Geburtsstadt ihres Mannes. Über die Härte dieser Zeit spricht sie nicht – wie auch ihr Mann nie über die Erlebnisse im Konzentrationslager Oranienburg gesprochen hatte, in das er nach einem kritischen Artikel über ein nationalsozialistisches Dozentenlager gekommen war.