Tote müssen beweint werden“, schreibt Myriam Marbe und erzahlt von den uralten überlieferten Ritualen und Bräuchen der Folklore Rumäniens. Sie erzählt vom „Calusul“, dem ekstatischen Pfingsttanz der Männer, vom Erntebrauch „Dragaica“ der Madchen, von Festtagsliedern heidnischen Ursprungs und von der Tradition der Klageweiber, der bocitoare, ihrer melodischen Flut des Leidens, in der die Stimme in Weinen umschlägt, der Gesang in Sprache übergeht. Myriam Marbes Komposition „Fra Angelico – Marc Chagall – Voronet“ für Chor, Solostimme und Instrumentalensemble ist letztlich auch ein Totenritual, ein Requiem. Und wenn sie nach der Uraufführung im Mittelschiff der Heidelberger Heiliggeistkirche steht, um den Beifall für ihr neues Stück entgegenzunehmen, kann man in ihrem ernsten Gesicht mit den tief eingegrabenen Zügen auch etwas vom Schmerz der Klageweiber lesen. Die Toten müssen beweint werden.

Wie klingt zeitgenössische Musik aus Rumänien, die unter dem unmittelbaren Einfluß der blutigen Revolution entstanden ist? Wie komponiert in dieser Situation eine Frau, die seit nahezu zwanzig Jahren als Professorin an der Bukarester Musikhochschule unterrichtet, die sich intensiv mit Folkloreforschung beschäftigt hat und mit ihrem umfangreichen Œuvre der Neuen Musik in ihrem Land wichtige Impulse gegeben hat?

Ein einzelner gesummter Ton des Chores, dünn wie ein Faden, steht am Anfang. Leise, gedehnt durchdringt er den Raum. Eine Quarte legt sich darüber, dann eine Quinte. Nach und nach verdichtet sich der Akkord zu einem Cluster. Myriam Marbe beginnt so archaisch, als wolle sie die Schöpfungsgeschichte der Musik noch einmal von vorn beginnen, noch einmal neu komponieren. Tastend, suchend und doch mit unerschütterlicher Kraft entwickelt sie ihr Stück. Die Zeit als treibendes Element, so hat man den Eindruck, ist hier eliminiert. Was einzig zählt, ist fester Boden für den nächsten Schritt. Zarte Melismen, Mixturengänge und die sparsam eingesetzte Solostimme legen sich über flächige, orgelpunktartige Klange. Mehrmals werden Chor- und Instrumentalstimmen zu Unisono-Strängen gebündelt, als könne einer allein die Last der melodischen Linienführung nicht tragen.

Ein Grundprinzip der Komposition: Dramatik wird mit schlichtesten Mitteln erzeugt. Akkordverbindungen spreizen sich immer wieder zu scharfen Dissonanzen – der Versuch, Schmerz in Tone zu kleiden. Zur Textstelle „Dies irae“ flehen die Klageweiber. Und doch ist auch hier Stille nicht weit. Am Ende murmeln die Männer das rumänische „Herr, gib uns Frieden“. Der letzte Ton verklingt in einem langgezogenen Decrescendo.

Myriam Marbe hat ein Stück von eigenwilliger Schmucklosigkeit und Schlichtheit im Ausdruck geschrieben. (Leider wurde es vom Heidelberger Madrigalchor und einem Ensemble der Stuttgarter Musikhochschule unter Gerald Kegelmann nur mäßig spannungsvoll interpretiert.) Sie hat sich zurückgezogen auf die Ursprünge der Musiktradition ihrer Heimat, etwa indem sie Modi aus der rumänischen Folklore verwendet, und auf die Ursprünge der sakralen Musik. Die Texte setzen sich zusammen aus Fragmenten rumänischer, lateinischer und jüdischer Totenliturgien.

Das Stück wurde uraufgeführt im Rahmen des Internationalen Komponistinnen-Festivals in Heidelberg, und Thema sollte eigentlich „Blau – Die Farbe der Ferne“ sein, korrespondierend zur Eröffnung einer Kunstausstellung gleichen Titels. Dies jedoch hat die Rumänin wohl nur wenig inspiriert: „Durch persönliches Leid und die aufwühlenden politischen Ereignisse der letzten Monate gezeichnet, möchte Myriam Marbe in ihrer Komposition zum Thema Blau, die im Grunde ein Requiem ist, den Menschen vor dem Absoluten zum Thema nehmen“, heißt es im Programmheft. Requien sind der Ausgangspunkt für neues musikalisches Leben in Rumänien. Der Nachholbedarf an sakraler Musik ist immens – sie war verboten. Da wundert es nicht, daß Myriam Marbe unüberhörbar an einer Stelle das „Lachrimosa“-Motiv aus Mozarts Requiem zitiert. Die Toten müssen beweint werden.

Noch ein Stück wurde in Heidelberg uraufgeführt: „Flöten des Lichts“ von Adriana Holszky. Auch sie ist (Deutsch-)Rumänin, lebt aber seit 1976 in Stuttgart. Ihre Musik verhält sich geradezu wie ein Gegenpol zu der Myriam Marbes. Hier der Rückgriff auf Gesichertes, auf eine Ästhetik des Schlichten; dort komplizierte Strukturen, uber- und ineinandergelagerte Schichten. Die eine fügt zusammen, sucht den Neubeginn. Die andere komponiert mit dem Seziermesser. Die „Flöten des Lichts“ basieren auf der Vertonung eines Gedichtes von Ursula Haas. Adriana Hölszky zerlegt den Text bis in phonetische Einzelteile, buchstabiert ihn durch, klopft ihn auf Anhaltspunkte für musikalische Assoziationen ab. Unter der Singstimme erklingt das Instrumentalensemble wie eine Kommentarebene: ein Netz dicht gewobener Motive, melodischer Kürzel, Klangzeichen und Sprachfetzen, die sich leider in der halligen Kirchenakustik zu sehr verwischten, um Bilder entstehen zu lassen. „Das Werk ist Abenteuermusik“, heißt es im Programmtext. Stimmt schon, wenn auch das Abenteuer nicht in die höchsten Gipfelregionen der Komponierkunst führt. Claus Spahn