Frankfurt

Berthold Huth kommt täglich in den Himmel. Das ist sein Job: als Kranfahrer beim Bau des höchsten Hochhauses Europas, des Frankfurter Messeturms. Zwischen Huth und den Tausenden, die morgens und abends aus dem Stau staunend zu ihm aufschauen, liegen 270 Meter, soviel wie zwischen der obersten Plattform des Eiffelturmes und der Seine. Doch den Touristen bringt der Lift auf den Eiffelturm, Berthold Huth muß die letzten siebzig Meter frei klettern – umgehängt die Tasche mit den Butterbroten und der Bild- Zeitung.

Schon die Fahrt mit dem Bauaufzug ist ein Abenteuer. Je höher es geht, desto lauter klappern die Gitter, desto bedrohlicher schüttelt sich der Kasten in den Böen bis zu Stärke 8. Ein paar Bretter mit einem rein symbolischen Geländer auf 230 Meter Höhe sind die Endstation. Hier kann nur arbeiten, wer keine Höhenangst kennt. Auf einem schmalen Eisenträger steht ein Mann gegen den Wind gelehnt und schweißt, ungesichert wie seine Kollegen, die kniend auf der Außenwand des Rohbaus überstehende Eisenstümpfe absägen.

Zum Schutz vor dem Wind tragen viele Bauleute eine Mütze von der Art, wie man sie sonst zum Bankraub verwendet, eine, die die Augen frei läßt, und befestigen den Helm mit einem Lederriemen unter dem Kinn. Es ist ein ungemütlicher und lauter Arbeitsplatz: Plastikfolien knattern im Wind. Scheppernd werden nicht mehr gebrauchte Rohrgerüste eingerissen. Vom Straßenlärm ist jedoch wenig zu hören, ab und zu der Klang eines Martinshorns. Der Ausblick aus der Höhe ist faszinierend. Wo sonst kann man von oben in rauchende Schornsteine schauen?

An einer windgeschützten Stelle hat jemand Liebesgrüße an Erika an die Wand gekritzelt. Es riecht nach Bahnhofsklo. Der überlastete Aufzug kommt nicht so oft nach ganz oben, daß er bedürftige Arbeiter rasch genug nach unten bringen könnte. Was macht der Mann in dem Käfig in solchen Fällen? Wie selbstverständlich läuft er, vom kniehohen Geländer nicht wirklich geschützt, auf dem schulterbreiten Gitterrost bis ans Ende des Auslegers. Dort, über dem Gegengewicht, ist sein Pissoir: ein schwarzer Plastikeimer. Abends wird er über Frankfurt entleert.

Gemessen an den Wolkenkratzern New Yorks ist der 500-Millionen-Bau nichts Besonderes. Der „Spargel“, wie die Bauleute ihn nennen, wurde nach der sogenannten „amerikanischen Bauweise“ in nur 37 Monaten 256 Meter hoch in den Himmel geschoben. Die Büroetagen werden an einen achteckigen Betonkern geklebt, der die Treppenhäuser, 24 Aufzüge, Strom- und Wasserleitungen führt, genug für 5000 Menschen.

Ein zwölf Tonnen schweres Fertigteil für den Sockel der Pyramide hat Berthold Huth gerade am Haken. Die Kabine des Krans neigt sich um einen Meter. Huth sieht in seiner zwei Quadratmeter großen Kabine durchs Glasfenster zwischen seinen Füßen, wie sich das Stahlgerüst des Krans ächzend verwindet. Als er die Last auf der Plattform abstellt, schnalzt sein Kran in die Ausgangslage zurück.