Die staatliche Druckgenehmigung des Ministeriums für Kultur ist weggefallen und mit ihr die als "Empfehlungen" getarnte ideologische Zensur. Das Erscheinen eines Lyrikbandes wie Uwe Grünings "Innehaltend an einem Morgen" (Union Verlag) muß nicht mehr um Jahre verschoben werden, weil die "internationale Lage" wieder einmal "kritisch" ist und die Wahrheit der Öffentlichkeit nicht zumutbar.

Wieviele Lyriker, die in der DDR geblieben sind, mußten sich von Funktionären den Mund verbieten lassen. Ironie und Satire waren ein rotes Tuch für Stalinisten. Lektoren, denen daran lag, die Manuskripte ihrer Autoren zum Druck zu befördern, hatten sich in der Kunst der Diplomatie zu üben, sonst wäre gar nichts gegangen — eine zermürbende Arbeit. Dennoch: Wo der offizielle Staat nicht mehr walten konnte, herrschte der inoffizielle. Bert Papenfuß (geboren 1956) war eines der Opfer, als seine Texte — trotz schriftlich eingereichter literaturwissenschaftlicher Gutachten — aus der Anthologie "Vogelbühne" (Verlag der Nation) entfernt wurden. Er schrieb unbeirrt weiter, entwickelte gemeinsam mit anderen eine kreative Lebensform, zu der Auftritte in einer Band und private Lyrik Graphik Editionen gehörten. Seit 1988 erscheint im Aufbau Verlag die von Gerhard Wolf herausgegebene Reihe "Außer der Reihe". Der Titel deutet auf eine zweifache Misere. Zum einen: Bert Papenfuß, Rainer Schedlinski, Jan Faktor, Gabriele Kachold, Stefan Döring und andere schreiben so "ungewöhnlich", daß sie in den "normalen" Programmen der Verlage keinen Platz finden konnten. Zum anderen: Wer Lyrik veröffentlichen will, steht in einer DDR typischen Warteschlange. Das Warten dauert — je nach Verlag — zwischen zwei und zehn Jahren. Die Genannten habe es geschafft, "außer der Reihe" gedruckt zu werden, weil sie ungewöhnliche Texte schreiben und weil es unmöglich ist, eine ganze Lyrikergeneration auf Dauer zu ignorieren. Im übrigen befinden sich gute Gedichte immer außerhalb des Gewohnten.

Der Reihentitel ist also eine DDR eigene Absurdität, die inzwischen zum Markenzeichen avancierte.

Soeben erschienen ist Stefan Dörings "heutmorgestern", das ihn als einen der wichtigsten Lyriker der "Neuen Sagart"

ausweist. Er macht wesentliche Lebensprobleme, insbesondere in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, zum Gegenstand seiner Wortspielbetrachtungen:

die Lügen der Medien, die allgegenwärtige "Sicherheit", die "beredte Kommunikationslosigkeit", die Ausreiseproblematik.

Seine Gedichte benennen die Symptome und Auswirkungen eines gesellschaftlichen Sinnschwundes auf die Menschen, "das unwirkliche drinnen im leben" ("was uns dummkommt macht uns arg"). Dörings Sprache deckt Verdrängungen auf, wertet öffentliches Bewußtsein als falsches Bewußtsein, indem sie mit semantischen Mehrdeutigkeiten und assoziativen Ablenkungen spielt, auch mit ständiger Verschränkung von Redeteilen, was mehrfachen Wechsel der Kontexte und Blickrichtungen bewirkt. Verglichen mit den Versen anderer Autoren der "Neuen Sagart", haben Dörings Texte eine besonders dichte lyrische Struktur. In seinem Poem "ein stück zeit" treffen sich Zeitgeist und Gesellschaftskritik, Philosophisches, Erotisches und Psychologisches in einer besonderen poetischen Phantasie.