Die Vereinigung mit der DDR kurbelt die Wirtschaft in der Bundesrepublik an, aber die Gefahr steigender Preise wächst

Von Klaus-Peter Schmid

Überall das gleiche Lied: Die Konjunktur in der Bundesrepublik boomt wie nie zuvor. Industrie, Forschungsinstitute, Wirtschaftsverbände, Bundesregierung – allesamt malen sie die wirtschaftliche Zukunft in schönsten Farben. Und meist fehlt auch nicht ein Zusatz von der Art: Wenn bald das DDR-Geschäft anläuft, dann geht es erst richtig los.

Ein Beispiel aus der vergangenen Woche: die Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelstags (DIHT) bei den 69 Kammern der Bundesrepublik. Da überschlagen sich die optimistischen Urteile: "Das Konjunkturhoch dauert unvermindert an... In vielen Branchen und Regionen hat sich die Lage in den letzten Monaten sogar noch weiter verbessert... Die Erwartungen der Wirtschaft spiegeln Zukunftsvertrauen wie lange nicht mehr... Die jüngsten politischen Entwicklungen im Ost-West-Verhältnis regen die unternehmerische Phantasie an."

Inflationäre Ängste

Manchen bringt die Phantasie aber zu ganz anderen Visionen. Wenn im Boom die Nachfrage schlagartig zunimmt, dann gerät leicht die Preisentwicklung außer Kontrolle, das Ergebnis ist Inflation. So warnte der Finanzwissenschaftler Fritz Neumark jungst in der ZEIT: "Wer sich damit beruhigt, daß zwei bis drei Prozent Geldentwertung im Jahr noch erträglich sind, der sollte nicht übersehen, daß daraus rasch neun Prozent werden können. Und neun Prozent sind keine bloße Geldentwertung mehr, sondern eine gefährliche Entwicklung, die ohne große Arbeitslosigkeit und andere schwere Krisenerscheinungen nur noch schwer zu bannen ist."

Neun Prozent sind reichlich hoch gegriffen, doch selbst den Laien beschleichen inflationäre Ängste. In der Bundesrepublik sind die Produktionskapazitäten mit neunzig Prozent so stark ausgelastet wie seit zwanzig Jahren nicht mehr, vielerorts klagt die Industrie über fehlende Arbeitskräfte, die Nachfrage aus dem Ausland hält an, die Steuerentlastung zum Jahresbeginn hat zu einem Konsumschub geführt. Wenn dazu – dank Währungs- und Wirtschaftsunion – plötzlich die milliardenschwere Nachfrage von sechzehn Millionen konsumhungrigen DDR-Bürgern käme, geriete auch das stabilste Preisgefüge ins Wanken.