Von Thomas Heberer

Mit „China im Umbruch“ wird erstmals einer der führenden Köpfe der chinesischen Demokratiebewegung in deutscher Sprache vorgestellt. Fang Lizhi, ein renommierter Astrophysiker, entwickelte sich vor dem Hintergrund biographischer Erfahrungen von einem gläubigen Kommunisten zu einem der schärfsten Binnenkritiker Chinas. Nicht zu Unrecht wird er als „Chinas Sacharow“ bezeichnet, denn mit dem russischen Nobelpreisträger hat er vieles gemein: offenes Eintreten für demokratische und Menschenrechte im eigenen Land, schonungslose Kritik an überkommenen und maroden Verhältnissen. Und doch unterscheidet ihn einiges grundlegend von Sacharow. Fang befindet sich in der Tradition der Fragestellung, die China seit dem letzten Jahrhundert bewegt, nämlich der Frage, wie China auf die Herausforderung des Westens reagieren soll und wie sich China modernisieren läßt.

Der sozialistische Versuch mag diesen Konflikt zwischen Identität und Modernisierung eine Zeitlang überwuchert haben, gelöst hat er ihn nicht. In der Auseinandersetzung zwischen Traditionalismus (Kontinuität chinesischer Tradition), Ikonoklasmus (Beseitigung aller traditionalen Momente) und Synkretismus (Verbindung chinesischer und westlicher Kulturinhalte) scheint sich Fang auf die Seite der Ikonoklasten zu schlagen, so, wenn er für „totale Verwestlichung“ eintritt. Er knüpft damit an Teile der „4.-Mai-Bewegung“ von 1919 an, die den Kampf gegen die „Tradition“ auf ihre Fahne geschrieben hatten.

Die Breite der Protestbewegung im Frühsommer und die Erstickung dieser Bewegung in einem Blutbad im Juni 1989 verlangen ein Mehr an Informationen über die führenden Köpfe dieser Bewegung. Fang bestreitet zwar in einem Telephoninterview vom Mai 1989, daß er eine aktive Rolle dabei gespielt hat. Aber die Reden, die er in den letzten Jahren an den Hochschulen überall im Land gehalten hat, haben auf die Studenten zweifellos großen Einfluß ausgeübt. Diese Reden, von denen zwei in den Band aufgenommen wurden, bestechen sowohl durch ihre Anschaulichkeit, ihre Konkretheit als auch durch Offenheit und Direktheit. Dies gibt ihnen ein eher (für China) unkonventionelles Gepräge, denn Fang greift offen an und versteckt sich nicht hinter Andeutungen und Symbolik. Er spricht nicht über die üblichen Pflichten, sondern macht Rechte geltend. Nicht die Bürger sind für den Staat da, sondern dieser für die Bürger, meint Fang. Dabei ist in seinen Reden eine zeitlich zunehmende Radikalisierung der Kritik festzustellen. Bewußt forderte er die Führung heraus und glaubte, dies sei inzwischen ungestraft möglich geworden („Letztes Jahr habe ich mich mit dem Pekinger Stadtparteikomitee angelegt, dieses Jahr nehme ich mir das Politbüro vor“). Fang legt die Finger auf die Wunden der chinesischen Gesellschaft. Er macht allerdings keinen Hehl daraus, von welcher Seite allein er sich Veränderungen erhofft: durch die Intellektuellen. Dabei setzte er auf eine allmähliche, friedliche Evolution hin zur Demokratie. Und deswegen warnte er auch vor Illusionen über rasche Erfolge bei der Demokratisierung. Wenn Fang jeglichen Erfolg seit 1949 bestreitet, so mag diese Aussage zu undifferenziert sein. Die Erlangung nationaler Selbständigkeit, die Tatsache, daß der ehemals „kranke Mann im Osten“ heute eine potente regionale Macht und in mancher Hinsicht sogar Weltmacht ist, gewisse Erfolge bei der industriellen und landwirtschaftlichen Entwicklung, eine gewisse materielle Sicherstellung in den Städten sind nicht zu leugnen. Dies gilt, obwohl die politischen Machtkämpfe und Wechselbäder eine gewaltige Zahl menschlicher und materieller Opfer gekostet haben.

Das Buch, von Erwin Wickert sachkundig eingeleitet und von Helmut Martin um die Biographie Fangs bereichert, ist zu einer Zeit erschienen, in der die Diskussion unter oppositionellen Kreisen über die künftige politische Entwicklung Chinas gerade erst eingesetzt hat. Dem deutschen Leser werden Grundideen eines der prominentesten Vertreter dieser Kreise vorgestellt. Es bleibt zu hoffen, daß die Sinologie die Entwicklung der demokratischen Bewegung weiter verfolgt und der deutschen Öffentlichkeit zur Kenntnis bringt.