Von Hans-Joachim Müller

Gott, Welt, Seele, Einzelmensch, Pflanze, Tier und Weltzweck ... nichts, was Christian Wolff ungedacht gelassen hätte. Seine allerhand "vernünftigen Gedanken" hatten dem gerade 28jährigen Philosophen eine komfortable Professorenstelle in Halle eingetragen. Nur mit den Spektabilitäten von der theologischen Fakultät sollte er immer wieder Ärger bekommen. Seine wackeren Versuche, Leibniz’ hochfahrendes Denksystem in die rechte Schulbuchfassung zu bringen – und das auch noch in der Volkssprache Deutsch –, verrieten den aufklärerisch infizierten Geist. Der Kathederphilosoph wurde relegiert und gleich noch des Landes verwiesen. Und er mußte vernünftig denkend warten, bis ihn Jahre später Friedrich II. wieder nach Halle berufen würde.

Wolff kehrte heim in die Große Märkerstraße, nicht ärgerlich und nicht im Triumph, und wärmte sich wieder die Schreibhand am gemütlichen Ofen, wenn sie frostreif geworden war beim ungemütlichen Denken. Daß der Mensch das eigentliche Ziel des göttlichen Schöpfungsplanes sei, schien ja gut begründet. Ergo müsse auch alles andere um des Menschen willen da sein: "Die Nacht zum Beispiel, damit er schlafen kann, und die Dämmerung, um Vögel und Fische fangen zu können..." Fische, die damals, wenn es dämmerte an der Halleschen Saale, noch ziemlich zahlreich gewesen sein sollen um des Menschen willen.

Des Denkers Schriften sind inzwischen etwas eingestaubt, des Denkers Ofen wird täglich (außer montags) vom Staube befreit, Prunkstück in der Keramik- und Fayencenabteilung der Staatlichen Galerie in Halle. Ein schlankes Nutz- und Repräsentationsinstrument bürgerlicher Wohnkultur, an dem die Voluten üppig hochranken und bis zur krönenden Figur wuchern, einer Dame auf dem Ofenthron, die dort oben hockt, als brüte sie ein Gelege aus. Nebendran knackt der Heizungsschrank neueren Baujahrs und verbreitet den leicht öligen Geruch volkseigener Museumstechnologie.

Die Burganlage, die sich fast unmerklich über der Stadt erhebt, hatte ihre große Zeit im frühen 16. Jahrhundert, als Kardinal Albrecht, in Personalunion Erzbischof von Magdeburg und Mainz und Kurfürst von Brandenburg, bedeutende Künstler nach Halle holte, sich freilich bei seinen ehrgeizigen Ausstattungsprojekten bald finanziell übernahm und die Stätte seines Wirkens "unter Mitnahme aller Kunstschätze" verließ. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Moritzburg schwer getroffen; und in den Ruinen wuchs fortan Hallesches Gemüse. Schinkel hatte dann vorgeschlagen, die Gebäudereste mit klassizistischer Strenge der Universität zuzuschlagen, aber die Mittel der preußische Staatskasse reichten nur zu kleineren Restaurierungsarbeiten. Anfang dieses Jahrhunderts wurde "in freier Nachbildung" des städtischen Zunfthauses der Halloren der ehemalige Wirtschaftstrakt der Burg als Museum eingerichtet. 1904 zog dort das eben erst gegründete Städtische Museum für Kunst und Kunstgewerbe ein. Heute als Staatliche Galerie Nachbarin einer Sektion Sportwissenschaft, eines Weinrestaurants und des Kabaretts "Die Kiebitzensteiner".

Viel Platz haben also Peter Romanus und sein Museumsteam nicht für ihre inzwischen doch stattlichen Bestände. Ein großer Teil muß im Magazin verwahrt werden und kann nur in wechselnden Portionen und immer wieder neuen Zusammenstellungen gezeigt werden. Ein kleines also, aber notgedrungen lebendiges Museum: Wer wiederkommt, trifft womöglich eine völlig andere Sammlung an. Derzeit sind eine Auswahl Gemälde und Plastiken des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ausgestellt, daneben Gläser vom Mittelalter bis zur (DDR-)Gegenwart, ein Querschnitt durch die Keramik- und Fayencenkollektion und "Kleinkunst" des 18. und 19. Jahrhunderts.

Ein Medaillon zum Beispiel von 1770, französischer Herkunft, aus dem leckeren Material "Bisquitporzellan". Laut Beischild, hat der abgebildete Kentaur mit der sich allerliebst sträubenden Reiterin im Damensitz als "vom Weine erhitzt" zu gelten, er soll sich das Bubenstück ausgerechnet während der Hochzeit des Lapithenfürsten Pirithoos geleistet haben, was natürlich nicht gut ausgehen konnte. Von eigentümlichem krausem Charme auch das unverkennbar weibliche "anatomische Modell", das der Nürnberger Stephan Zick 1705 aus Elfenbein geschnitten hat. Das arme Opfer mit der abnehmbaren Bauchdecke und der mobilen Brustschale muß dem Künstler doch irgendwie leid getan haben. Zur Entschädigung hat er sein Objekt medizinischer Begierde auf ein kleines Elfenbeinkopfkissen gebettet. Kuriosa, die neben Logengläsern, Jungfernbechern, Hochzeitstellern und Deckelpokalen im Galeriecafe untergebracht sind, das im Ambiente des historischen "Gerichtzimmers" immerhin zu den schönsten seiner Art zählen darf.