Genosse Idiatulin, Parteisekretär für Ideologie in Kasan, zeigte in seinem Büro mit einem langen, weißen Stock auf die Landkarte. An einem Nachmittag im fünften Jahr der Perestrojka erklärte er westlichen Journalisten aus Moskau die geographische Lage der Stadt an der Wolga. Zuhören mußten noch zehn weitere, eilends zusammengetrommelte Genossen.

Der drittwichtigste Mann des Parteiapparats hatte die besten Repräsentanten und Experten der Tatarischen Autonomen Republik zu sich bestellt. Aufgereiht an der Wand saßen: die Geschäftsführerin im Präsidium des Obersten Sowjets, der Erziehungsminister, zwei stellvertretende Minister, der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes und weitere Würdenträger.

So präsentiert sich die Partei ständig als ganzes Sonnensystem, ohne Rücksicht auf den Energieverbrauch. Und außerdem ist ja nie auszuschließen, daß Gäste einmal Fragen stellen, denen nur kompetente Fachleute gewachsen sind.

Der freundliche Idiatulin hat viel zu tun. Nach bewährtem Brauch, so stöhnte er nach unserer Visite mit ironischem Lächeln, wenden sich Bürger und Besucher mit ihren Wünschen an den örtlichen Parteiapparat. Wir seien keineswegs eine Ausnahme. Schon um sicher zu gehen, daß die Zimmer- und Rückflugreservierungen der kleinen Reisegruppe in Ordnung gingen, hätten die Organisatoren in Moskau die örtliche Parteiführung eingeschaltet. Damit bliebe dann auch die übrige Fürsorge an ihr hängen. So laufe es jedesmal ab ...

Einer Funktionstrennung zwischen Partei und Staat sind die Provinzverwaltungen bisher nur millimeterweise nähergekommen. Eine erste Ausnahme ist das Gebiet von Tjumen, in dem am 19. Januar Parteichef Bogomjakow und seine Crew nach Massenprotesten von Bord gehen mußten. Die provisorische Parteiführung entschied einen Monat später, den eigentlichen Schlüssel zu allen wichtigen Ämtern in Wirtschaft und Verwaltung, die Nomenklatura, künftig aus der Hand zu geben. Den abgetretenen Partei-Paten verdankten bislang rund 2000 Führungskräfte in der westsibirischen Ölregion ihre Position – Betriebs- und Schuldirektoren, Staatsanwälte und Stadträte.

Ein solches Nomenklatura-Netz gibt es auf jeder Ebene der Parteihierarchie. Das bisherige Machtmonopol hat nicht nur politische Alternativen verhindert, sondern auch jede rationale Arbeitsteilung. Die Parteiführung einer Provinz funktioniert wie eine Oberbehörde. Von diesem Direktionszentrum aus managen die Funktionäre Versorgung und Verteilung. Bei Schwierigkeiten, die es ständig gibt, stellen die Super-Technokraten des Systems „Sonderprogramme“ auf und verteilen die Aufgaben.

Betriebs- und Kolchosdirektoren verbringen ein Drittel bis die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Dienstbesprechungen in der Parteizentrale oder auf dem langen Weg dorthin. Der Dienstwagen, mit Fahrer versteht sich, ist besonders in Sibirien und der Ukraine ihr zweiter Arbeitsplatz.