Biblis

Mit 75 meldepflichtigen Störfällen im Jahr 1989 hat das Kernkraftwerk Biblis bundesweit einen neuen Rekord aufgestellt. Die Zahlen stammen vom Bonner Umweltministerium sowie aus den Monatsmeldungen der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE). In den ersten drei Quartalen kamen von 240 Störfällen, die insgesamt nach Bonn gemeldet wurden, 60 aus Biblis. Seit 1977, als die Meldepflicht eingeführt wurde, sind aus Biblis 358 Störfälle mitgeteilt worden, 190 in den vergangenen vier Jahren. Die Wissenschaftler im Öko-Institut in Darmstadt fragen sich, „wie viele Störfälle ein Reaktor pro Jahr eigentlich produzieren muß, bevor eine Aufsichtsbehörde seinen Betrieb für nicht mehr verantwortbar hält“.

Am 3. Oktober 1989 schalteten TÜV-Experten wegen Revisionsarbeiten im Block B Teile der Stromversorgung aus. Erst vierzehn Stunden danach war der Strom wieder da; ein schwerer Verstoß gegen die Vorschriften, einer von drei Störfällen der Kategorie E (eilt) 1989.

Seit Juli läuft der Reaktor A trotz einer Leckage in der inneren der beiden Deckeldichtungen am. Reaktordruckgefäß. Das werde bei der nächsten Revision im Mai repariert, versichern die RWE.

„Hier geht es nur um wirtschaftliche Interessen“, sagt Gerlinde Brummer vom Bund für Umwelt und Naturschutz in Hemsbach bei Weinheim und kritisiert den TÜV: „Ein Auto mit defekten Bremsen kriegt keine Prüfplakette!“ In den nordbadischen Gemeinden in der Außenzone des Kernkraftwerkes existiert ein Katastrophenschutzplan nicht einmal auf dem Papier, weil die Genehmigungsbehörde in Hessen sitzt. So wußte der zuständige Sachbearbeiter für Katastrophenschutz im Rhein-Neckar-Kreis nicht einmal, „ob der Reaktor A zur Zeit in Betrieb ist“.

Die Risikostudie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit von 1989 am Beispiel von Biblis B hat Sorgen in der Bevölkerung verstärkt. Noch 1979 schätzten die Gutachter, daß in zwei Prozent denkbarer Kernschmelzfälle mit dem frühen Freisetzen großer Mengen an Radioaktivität zu rechnen sei: Inzwischen haben sich die Gutachter auf 97 Prozent korrigiert.

Auch die Wahrscheinlichkeit solcher Kernschmelzen wird dreißigmal höher angesetzt als 1979: auf 1 zu 33 000 pro Jahr. Michael Sailer vom Öko-Institut kritisiert, die „anlageinternen Notfallmaßnahmen“ seien dabei noch nicht berücksichtigt. Dazu gehöre, daß von den Reaktorfahrern in bestimmten Fällen „in den automatischen Reaktorschutz eingegriffen werden soll und zum Teil automatische Befehle außer Kraft gesetzt werden sollen, was das Risiko erheblich erhöht“. Das Personal sei nicht hinreichend geschult, die Trainingssimulatoren in Biblis seien bisher „überhaupt nicht in der Lage, solche Situationen durchzuspielen“. Das räumt auch die Studie ein: Es „lagen keine detaillierten Unterlagen vor, um anlageinterne Notfallmaßnahmen im einzelnen bewerten zu können“.