Von Matthias Naß

Die Einladung kam einer Vorladung gleich – und der Gast kam ohne Geschenke. Ob ihm ein Treffen am 2. März passe, fragte George Bush den japanischen Ministerpräsidenten Toshiki Kaifu, der zu nächtlicher Stunde auf den Anruf aus Washington gewartet hatte. Der überraschte Premier sagte zögernd zu. Eigentlich wollte er den amerikanischen Präsidenten erst im April besuchen. Nach dem eindrucksvollen Sieg der Liberaldemokratischen Partei (LDP) bei den Unterhauswahlen am 18. Februar hatte Kaifu gerade mit Mühe sein neues Kabinett zusammengezimmert. Die Regierungserklärung vor dem Parlament stand an. Wie sollte er sich da auf Gespräche in den Vereinigten Staaten vorbereiten? Doch George Bush hatte es eilig. Als Konferenzort schlug er das sonnige Palm Springs vor, damit der Japaner es etwas näher habe. Eine Woche später saß Kaifu im Flugzeug nach Kalifornien.

Bush ging es bei dem hastig arrangierten Treffen vor allem um Schadensbegrenzung. Denn die handelspolitischen Spannungen zwischen den beiden größten Industrienationen hatten sich in den vergangenen Wochen noch einmal deutlich verschärft. Nur wenige Stunden, bevor der Präsident zum Telephon griff, war die dritte Runde der amerikanisch-japanischen Gespräche über strukturelle Handelshemmnisse (Structural Impediments Initiative, SII) in Tokio ergebnislos zu Ende gegangen. Er sei "frustriert und besorgt" über die mangelnden Fortschritte, hatte US-Delegationsleiter Linn Williams erklärt und bei seinen Verhandlungspartnern fehlenden "politischen Willen" beklagt. Er frage sich, hatte Williams hinzugefügt, ob die Japaner den Ernst der Lage begriffen hätten. Aus dem Handelsstreit ist eine politische Kraftprobe geworden; die Freundschaft zwischen Amerika und Japan droht in Feindseligkeit umzuschlagen.

Ziel der im vorigen September aufgenommenen SII-Gespräche ist es, die Hindernisse im bilateralen Handel auszuräumen. Die Amerikaner sind nicht bereit, ihr chronisches Defizit im Güteraustausch mit Japan – rund 400 Milliarden Dollar in den vergangenen zehn Jahren – länger hinzunehmen. Sie fordern von den Japanern eine Liberalisierung des Vertriebssystems, das den Verkauf ausländischer Waren beträchtlich erschwert; eine faire Beteiligung bei der Ausschreibung von Großprojekten; strengere Antimonopolgesetze; eine Reform der Bodenpolitik, die zu exorbitant hohen Grundstückspreisen geführt hat und für Ausländer den Erwerb von Immobilien praktisch unmöglich macht (die Bodenpreise in Japan übertreffen die amerikanischen um das 25fache); die Abschaffung des Gesetzes, das es kleinen Ladenbesitzern erlaubt, gegen die Errichtung von Supermärkten in ihrer Nachbarschaft ein Veto einzulegen; schließlich höhere öffentliche Investitionen in die Infrastruktur. Japan schotte seinen Markt gegen den Wettbewerb von außen nach wie vor ab, lautet das Verdikt aus Washington. Die japanischen Verbraucher müßten mit überhöhten Preisen und einem vergleichsweise niedrigen Lebensstandard für die einseitige Bevorzugung der heimischen Industrie durch die Regierung bezahlen.

Wenn die amerikanischen Firmen sich auf dem japanischen Markt so schwertun, schallt es aus Tokio zurück, so liege dies vor allem an ihrer mangelnden Wettbewerbsfähigkeit. Die Qualität ihrer Produkte genüge eben oft japanischen Ansprüchen nicht. Auch Tokio führt strukturelle Gründe für das amerikanische Handelsbilanzdefizit ins Feld: In den Vereinigten Staaten sinke die Produktivität; die Industrie werde zugunsten des Dienstleistungssektors vernachlässigt; die Bosse dort planten ihre Investitionen nicht langfristig, sondern schauten nur auf den schnellen Profit; statt zu sparen, verpulverten die Amerikaner ihr Geld; Washington nehme das Haushaltsdefizit tatenlos hin und lasse das Erziehungssystem – die wichtigste Investition in die Zukunft – verkommen.

Für immer mehr Japaner ist der Niedergang der Supermacht Amerika eine ausgemachte Sache. "Die Amerikaner haben ihren Nationalstolz verloren", meint Yoh Kurosawa, Vizepräsident der Industrial Bank of Japan. Viele denken so, auch erklärte Freunde der Vereinigten Staaten wie Sony-Chef Akio Morita. "Ich mache mir ernsthafte Sorgen um Amerika", sagt der Gründer des Elektronik-Multis. "Ich frage mich, warum sich Amerika geändert hat, warum es seine industrielle Kraft verloren hat." Gemeinsam mit dem ultra-nationalistischen LDP-Politiker Shintaro Ishihara hat Morita das Buch "The Japan That Can Say No" veröffentlicht, das inzwischen an der Spitze der Bestsellerlisten steht. Unverblümt ziehen die Autoren darin gegen die vermeintlichen und tatsächlichen Schwächen der amerikanischen Gesellschaft zu Felde und verlangen von der eigenen Regierung, zu Forderungen aus Washington auch einmal nein zu sagen.

Der Erfolg der Kampfschrift kommt nicht von ungefähr. Die Japaner, stolz auf den eigenen Wirtschaftserfolg, wollen sich von der einstigen Besatzungsmacht nicht mehr herumkommandieren lassen. Dabei räumen die Einsichtigen unter ihnen ein, daß notwendige politische Reformen – etwa die Ankurbelung der Binnennachfrage, um die gewaltigen Exportüberschüsse abzubauen – nur auf Drängen des Auslands zustande kommen. Den eigenen Politikern fehlt es in der Regel an der notwendigen Vorstellungs- und Entscheidungskraft. "Wir brauchen noch immer den Druck von außen als Katalysator des Wandels", meint Tadashi Yamamoto, der das Japanische Zentrum für Internationalen Austausch leitet.