DerBegriff Dialektik, ein ursprünglich philosophischer Begriff, mußte vor allem zur Legitimation sogenannter nichtantagonistischer Widersprüche herhalten, der angeblich einzigen noch existenten Widersprüche im Sozialismus, die grundsätzlich produktiv und lösbar seien. Mit dem Begriff der Dialektik können offenbare Mißstände zur historischen Notwendigkeit verklärt werden. Dieser Gebrauch des Begriffes spiegelt sich in der Umgangssprache, etwa in der ironischen Beschwichtigung: „Das mußt du dialektisch sehen.“

Demokratischer Zentralismus – was für ein stolzer Begriff, was für eine müde Praxis von demokratischem Verhalten. Gemeint war das grundlegende Organisations- und Leitungsprinzip der sozialistischen Staats-, Partei- und Wirtschaftsführung, entstanden aus der Not der frühen Arbeiterparteien, ihre Mitgliedschaft straff zu organisieren und auf einheitliches Handeln einzuschwören. Der quasi-militärische Gehorsam gegenüber den Beschlüssen der „Zentrale“ hat für die Ausführenden nicht nur Nachteile: Sie sind zwar entmündigt, können sich aber jederzeit auf die „zentralen Beschlüsse“ herausreden, sind also nicht genötigt, für sich selbst etwas zu beschließen. Der demokratische Zentralismus ist weithin zu einer gewohnten Lebensform geworden, nämlich zum „Prinzip der organisierten Verantwortungslosigkeit“, wie es Rudolf Bahro nannte. Diese Gewohnheit wird sich beim derzeitigen viel zu raschen Wandel in der DDR vielleicht als schwere Hypothek erweisen.

Deutsche Post? – Eine ehemalige Dependance der Staatssicherheit.

Ein Devisenausländerkonto ist eine feine Sache. Für den DDR-Staat. Wer das Land verläßt, muß all seine Barschaft dalassen; er kann sie auf ein solches Konto verbringen, wo die Zinsen von den Bearbeitungsgebühren gefressen werden und an das er erst herankommt, wenn man ihn wieder einreisen läßt – und auch dann nur häppchenweise. Der Kontoinhaber kann von diesem Konto limitierte Überweisungen tätigen, aber als Ex-DDR-Bürger nichts mehr einzahlen. Ein kleines Exempel für den „vormundschaftlichen Staat“.

Die Diktatur des Proletariats gilt den Lehrbüchern für Marxismus-Leninismus als höchste Form der Demokratie (wem sonst sie noch als solche gilt, sei dahingestellt). Hier herrsche historisch zum erstenmal die Mehrheit über die Minderheit der Gesellschaft, das Volk der Werktätigen über die reaktionären Kräfte des alten Systems... In der Definition dieser Staatsform als „Herrschaft der Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Vorhut“ wird die Mehrheit für die Macht einer neuen Minderheit in Anspruch genommen, wogegen sich diese kürzlich mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ zur Wehr setzte.

Diskussion nannte man den vom Plenum zu bestreitenden Teil politischer Schulungsveranstaltungen der Parteien oder der sogenannten Massenorganisationen (die noch weiter unten Erwähnung finden sollen). Da wurde viel geschwiegen, da gab es manches Lippenbekenntnis, da gab es aber auch – und zunehmend in der Vor-Wende-Zeit – immer offenere Fragen. Die kamen dann freilich, weil sie so lang zurückgehalten werden mußten, im Ton der Aufmüpfigkeit, der Unbotmäßigkeit hervor.

Es ist der nämliche Ton, den man heute noch häufig in den inzwischen offenen politischen Gesprächen, in den inzwischen sehr kritischen Zeitungen der DDR findet. Widerspruch war in der DDR nie etwas Selbstverständliches; eine Kontroverse sachlich und selbstbewußt zu führen, zu argumentieren, anstatt zu polemisieren, dies sind politische Tugenden, die sich nur am Rande der Gesellschaft, in den oppositionellen Gesprächskreisen entwickeln konnten und die heute fehlen.