Arabische Länder führen die Presse noch immer am Gängelband

Von Fredy Gsteiger

Seit fast sechs Monaten schmachtet der Nahost-Reporter des britischen Observer, Farzad Bazoft, in den Verliesen des Irak. Diese Woche begann sein "Gerichtsverfahren"; Bazoft droht die Todesstrafe, weil er über eine Großexplosion mit Hunderten von Toten in einer Waffenfabrik recherchierte. Beschuldigt wird er der Spionage, die er in einem auf Video aufgezeichneten "Geständnis" zugegeben hat. Doch der Oberserver bezeichnet die Vorwürfe als "völlig haltlos". Der Reporter dürfte unter Folter zu seiner Aussage gezwungen worden sein. Der Fall ist freilich nur eines von vielen Beispielen dafür, wie im Nahen Osten die Pressefreiheit mit Füßen getreten wird.

Bei der englischsprachigen Jordan Times in Amman hängt der Haussegen schief. Wagt es doch eine junge Redakteurin, auf der den einheimischen Nachrichten gewidmeten Seite 3 einen Text zur Sozialpolitik oben, dafür ein Bild, das König Husseins vierte Frau bei der Diplomverleihung an einer höheren Schule zeigt, weiter unten zu plazieren. Frevel sondergleichen! Chefredakteur Waleed Sadi jedenfalls war empört. Nicht weil ihm ein regierungsamtlicher Zensor im Nacken saß, sondern aus eigener Überzeugung; schließlich pflegt der frühere Rechtsanwalt Sadi beste Kontakte zu Jordaniens führenden Familien.

Der Streit um das Königin-Konterfei schwelte mehrere Tage – und dies unmittelbar nach der Bekanntmachung von Premierminister Mudar Badran, er wolle die Verantwortung für den Inhalt der Zeitungen künftig ganz den Chefredakteuren überlassen und auf jegliche Regierungseinmischung verzichten.

Bislang saßen Wachhunde der Regierung in Amman in den Redaktionsstuben aller drei nationalen Zeitungen. Die jordanische Nachrichtenagentur Petra lieferte den Pflichtstoff, der von den Redakteuren tunlichst in voller Länge und im Originalwortlaut nachzubeten war.

Nun sollen auch Agentur, Radio und Fernsehen unabhängig werden, freut sich Informationsminister Ibrahim Izzeddin. Dem lange Zeit im Westen lebenden Karrierediplomaten liegt offenbar wirklich an einer offeneren Informationspolitik. Doch wenn es darum geht, wie denn der Siegeszug von Glasnost in Jordanien gesichert werden soll, wird er vage. "Alle Schreiber sollen nationale Verantwortung übernehmen und dem Land echte Dienste leisten." Pressefreiheit als Freiheit, das zu drucken, was die Herrschenden gern lesen?