Von Volker Hage

Schnell muß man sein, verdammt schnell. Aber nicht zu schnell. Martin Walser kam zu früh, viel zu früh. Ende 1988 erschien sein Band mit Reden und Aufsätzen: „Über Deutschland reden“. Dabei begann die Wirklichkeit doch erst im folgenden Jahr damit, sich nach seinen Träumen zu richten.

Nun muß eine Neuauflage her, um ein gutes Viertel erweitert, nämlich um Kommentare zur Fortsetzung jenes deutschen Zukunftsromans, den Walser so genial konzipiert hatte: „6. Oktober 1989“, „Kurz in Dresden“, „11. November 1989“, „Deutsche Sorgen“ heißen die neuen Kapitel, die jene mittlerweile schon legendäre Ansprache vom Oktober 1988, die dem Band den Titel gab, erst so richtig arrondieren. „Daß ich Jalta, Teheran und die Folgen Strafaktion nenne“, hatte Walser damals gesagt, „ruft Stirnrunzeln hervor. Ich beeile mich zu sagen, daß wir die verdient hatten. Aber doch nicht für immer. Fühlen wir uns nicht resozialisiert? In Ost- und Westdeutschland kein Anzeichen irgendeiner Rückfallmoglichkeit.“ Und: „In mir hat ein anderes Deutschland immer noch eine Chance. Die Welt mußte vor einem solchen Deutschland nicht mehr zusammenzucken.“

Jetzt fragt der Verfechter deutscher Einheit bang (im letzten Text vom Dezember 1989): „Behandeln wir wieder eine Gelegenheit so, daß wir später wieder lang und breit beweisen können, es sei keine gewesen?“ Da kann man über Walsers „Geschichtsgefuhligkeit“, wie jüngst im Spiegel, höhnen, wie man will – der Mann hat eine Nase gehabt, und wer will es ihm übelnehmen, daß er das genießt und beim Thema bleibt.

Walsers Kollege Gunter Grass (darin der SPD ganz nah) hat spat erkannt, daß da ein Thema ist – und kam dennoch zu früh. Anfang dieses Jahres erschien sein Band „Deutscher Lastenausgleich“ mit Reden und Gesprächen (aber auch Gedichten und dem offenen Brief an Anna Seghers nach dem Mauerbau 1961) – ein Band, in dem, kaum auf dem Markt, schon zwei wesentliche Texte fehlen, die Grass erst hinterher geschrieben hat: nämlich die „Kurze Rede eines vaterlandslosen Gesellen“ und die Poetikvorlesung „Schreiben nach Auschwitz“. Beide Texte (die, wie manche von Walser, zuerst in der ZEIT gedruckt worden sind) resümieren erst so recht die Gegenposition zu Walser, wie Grass sie im Untertitel des Essaybands bundig formuliert: „Wider das dumpfe Einheitsgebot“. Zwei deutsche Staaten mögen es doch bitte bleiben, wie konföderiert und verbandelt auch immer. Denn: „Allen Grund haben wir, uns vor uns als handlungsfähiger Einheit zu fürchten. Nichts, kein noch so idyllisch koloriertes Nationalgefühl, auch keine Beteuerung nachgeborener Gutwilligkeit können diese Erfahrung, die wir als Täter, die Opfer mit uns als geeinte Deutsche gemacht haben, relativieren oder gar aufheben. Wir kommen an Auschwitz nicht vorbei.“

Dieser Tage nun erscheinen drei Essaybande von Schriftstellern aus der DDR: „Die fünfte Grundrechenart“ von Christoph Hein, „Einmischung“ von Stefan Heym und „Im Dialog“ von Christa Wolf (dieser Band wird erst Ende des Monats zu haben sein) – Bucher, die auf andere Weise, aus anderem Blickwinkel Position beziehen gegen das eilige Einheitsverlangen. Sie zeigen ein skeptisches, stilles (zunehmend stiller und resignierter werdendes) Widerstreben. Immer noch geht es diesen Autoren, die in ihrem Staat geblieben sind, an dem sie litten und in dem sie nicht immer wohlgelitten waren, um den Sozialismus, der ihr Wollen und Handeln, ihr Schreiben und Leben mehr bestimmt hat, als man sich das im Westen gern vorstellt.

Traumtanzer, Unverbesserliche? „Es gilt, auf den Boden der Tatsachen zu kommen“, schreibt Christa Wolf in ihrem vom Februar dieses Jahres stammenden Vorwort, „nur daß es eben ein ganz anderer Boden ist.“ Und: „Das Wort haben jetzt die Politiker und die Wirtschaftsleute. Das Wort haben wieder die Parteien, aber es sind, zum Teil, andere Parteien als vorher, zum Teil, die Vereinigung vorwegnehmend, Spiegelbildparteien zu denen in der Bundesrepublik. Sie alle – Politiker, Wirtschaftsmanager, Parteifunktionäre – brauchen für ihre Unternehmungen ein Vaterland, das sehe ich ein.“