Von Franziska Augstein

Psssst! Man ist auf der Pirsch und im Begriff, das Dorf ohne viel Lärm zu umzingeln. Vor den runden strohgedeckten Lehmhütten spielen kleine Kinder im Sand, Hühner scharren, schwarz gewandete Frauen tragen Wassergefäße auf ihren halbverschleierten Köpfen. Auf die Köpfe hat die Gruppe es abgesehen. Nähertreten, anvisieren – der Sturm bricht los. Klickickickick Klick. Jetzt hilft den Frauen kein Bitten und Schreien. Schöne Photos, gelt, Herr Nachbar?

Der Reiseleiter gibt das Zeichen zum Rückzug. Der Aufenthalt hat keine Viertelstunde gewährt. Die Gesellschaft stapft zu den wartenden Geländewagen. Die jemenitischen Fahrer werfen die Motoren an, wortlos und gleichmütig: Ihre Arbeitsplätze zählen zu den bestbezahlten des Landes.

So wie in dem kleinen Dorf in der Tihama, dem „heißen Land“ an der Flanke des Roten Meeres, fordert die 22 Mann starke Gesellschaft auch an allen übrigen Sehenswürdigkeiten ihre Bildrechte ein: In der nordjemenitischen Hauptstadt Sanaa, die wegen ihrer geschlossenen Lehmbauarchitektur unter der Protektion der Unesco steht. Im Felsenhorst Shahara, wo aus zwanzig morastigen Zisternen ein über 2000 Meter hoher Berg mit Terrassenfeldern bewässert wird. Im südjemenitischen Shibam, dem „Manhattan in der Wüste“, dessen Lehmbauten bis zu acht Stockwerke hoch aufragen.

Die Kinder haben sich bereits darauf eingestellt, daß die Weißen einen zusätzlichen Körperteil haben, der Bilder machen kann: „Sierra, surra – Photo, Photo“, schreien sie und drängeln sich vor jede Linse. Sie rufen, ohne Verständnis für den Sinn: „Hello! Wherefrom! What is your name!“ und fragend: „Kalam?“ – ein Stift zum Malen. Weiße Großmut spendiert kalam. Die weißen Frauen zwitschern mütterlich auf die Kinder herab. Die dünnen braunen Arme der Kinder langen zu den Frauen hinauf – empört weichen die Frauen zurück. Die Halbwüchsigen – anders als die Kinder – kneifen gezielt. Sie verachten uns Touristen. Und wir? Wir sind überlegen. Die Europäer nehmen sich mit Zoom und Autofocus das Herrenrecht an den Silhouetten von Kamelen, Ziegen, Eseln und vor allem an den vermummten Gestalten der Frauen. Und wenn der Reiseleiter warnt: „Die Ehemänner sehen das nicht gern“ – nun, dann wird eben heimlich aus der Hüfte geschossen“, wie sich ein österreichischer Beamter frohgemut brüstet.

Wir sind dabei, das alte Reich der Königin von Saba im Dreiwochentrip zu nehmen. Unsere Gegenwart ist gut fundiert: Die meisten jemenitischen Asphaltstraßen sind von Deutschland, Saudi-Arabien, der Sowjetunion und China entwicklungshilfehalber finanziert. „Na klar, wo sollen sonst die Laster mit den Importkühlschränken fahren?“ bemerkt gutgelaunt der österreichische Ministerialbeamte, der sich tiefstaplerisch als „Zöllner“ vorstellt.

So reisen wir, auf den Schwingen der Adler, die Schillinge und Deutsche Mark zieren. Aber wir scheuen ängstlich den Kontakt mit dem Volk am Boden, sofern er über jene Rollenspiele hinausgeht, in denen Händler und Kunde einander begegnen. Im Lauf der vergangenen drei Dezennien – später als andere Völker – haben die Jemeniten begonnen, den Fremden ihre Vergangenheit, ihre Kultur und ihr Lächeln fürs Photo zu verkaufen. Seltsam nur, daß im Verlauf der Transaktion das gehandelte Gut mehr und mehr verlorengeht.