Drei Monate nach dem tödlichen Bombenanschlag auf Alfred Herrhausen, den Chef der Deutschen Bank, sollte Bundesernährungsminister Ignaz Kiechle das nächste Opfer der Roten Armee Fraktion werden. Die Terroristen brachen das geplante Attentat jedoch kurzfristig ab.

Kiechle hielt sich am vergangenen Freitag im bayerischen Wiggensbach auf, um seinen sechzigsten Geburtstag zu feiern. In Vorwegnahme seiner Ermordung hatte die RAF am selben Tag ein Bekenner-Schreiben verschickt, in dem sie sich als verantwortlich für den geplanten Anschlag bezeichnete. Offenbar rettete die Anwesenheit zahlreicher Gäste Kiechle das Leben. Die Terroristen erklärten in einem zweiten Brief vom Sonnabend den „Abbruch der Aktion“, weil es durch ein „unkalkulierbares Ereignis“ zu einer „Gefährdung Unbeteiligter“ gekommen wäre.

Ein politisches und ideologisches Konzept der RAF ist schon lange nicht mehr zu erkennen. Als Motiv für den Anschlag auf Kiechle gaben die Terroristen seine Agrarpolitik an, die „ganze Volkswirtschaften ins existentielle Chaos gestürzt“ habe. In einem blindwütigen Rachefeldzug gegen die Repräsentanten des Staates will die RAF überdies die Zusammenlegung ihrer inhaftierten Gesinnungsgenossen erzwingen.

Dennoch ist die Kommandoebene der „dritten Generation“ – wie die Morde an MTU-Chef Zimmermann, an dem Siemens-Manager Beckurts, an dem Politiker von Braunmühl und zuletzt Herrhausen gezeigt haben – immer noch in der Lage, blutige Attentate zu begehen.

Kein noch so ausgeklügelter Personenschutz scheint ihren Wahnsinnsaktionen vorbeugen zu können. Und die Spirale der Gewalt droht sich weiterzudrehen: In ihrem Schreiben kündigte die RAF einen „forcierten Aktionismus gegen das System“ an. Jörn Arfs