Frankreichs Europaministerin Edith Cresson lief Anfang der Woche zu Hochform auf. In einem gedrängt vollen Saal des Brüsseler EG-Ratsgebaudes klärte sie die internationale Presse über Frankreichs Abwehrkampf gegen die japanischen Autohersteller auf. "Solange der Ministerrat keine klare Position zu den japanischen Autoimporten hat, werden wir die Verhandlungen mit Japan blockieren. Wir können sehr lange warten. Wenn es überhaupt eine Einigung gibt, machen wir für die Autos eben eine Ausnahme vom freien Binnenmarkt 1993, das funktioniert ganz einfach über die Zulassung." Für Frau Cresson geht es um das Überleben der europäischen Autoindustrie – und um ihr Image als Verteidigerin nationaler Interessen: "Die Strategie der Japaner ist es, auf allen Kontinenten mit Werken vertreten zu sein, um die amerikanische und die europäische Industrie zu zerstören. Im Falle der amerikanischen ist es ihnen weitgehend gelungen. Wir wollen nicht die nächsten sein."

Schon zum dritten Mal beschäftigen sich die EG-Außen- und Handelsminister am Montag dieser Woche mit den japanischen Autoimporten. Eine gemeinsame Strategie gibt es zwar immer noch nicht, aber EG-Außenhandelskommissar Frans Andriessen wird am 23. März dennoch die Gespräche mit den Japanern beginnen. Sein Problem: Die Situation der nationalen Märkte und Industrien in Europa ist so unterschiedlich, daß die Interessen nicht voll übereinstimmen können.

Großbritanniens Automarkt ist zwar nicht vollkommen geöffnet – der japanische Marktanteil liegt bei zehn Prozent –, dafür hat Margaret Thatcher ihr Land aber den Japanern als Brückenkopf für die Produktion in der EG angeboten. Der größte Teil der 300 000 Einheiten, die japanische Hersteller 1988 in der EG bauten, stammt von der Insel. Der französische, italienische und spanische Markt sind noch durch strenge Quoten geschützt; Frankreich beschränkt die japanischen Lieferungen auf drei Prozent, Italien auf weniger als ein Prozent, und Spanien überläßt den Japanern ebenfalls nur ein Hundertstel seines Marktes. In der Bundesrepublik beschränken sich die Japaner freiwillig auf rund fünfzehn Prozent des Marktes – im Vergleich zum EG-Durchschnitt von neun Prozent ein hoher Wert. Doch welche Anteile die Japaner auf wirklich liberalisierten Märkten ergattern, zeigt sich in Belgien, Dänemark, Irland und in den Niederlanden. Dort haben sie Marktanteile zwischen 21 und 44 Prozent erreicht.

Daß die fernöstliche Konkurrenz mit immerhin 15 Prozent am deutschen Markt beteiligt ist, tut den hiesigen Produzenten freilich kaum weh. Sie profitieren nämlich von der strengen Protektion in Südeuropa. Was den japanischen Herstellern dort vorenthalten wird, kommt als zusätzliche Nachfrage größtenteils den deutschen Marken zugute. Fällt die Schutzmauer, müssen auch die deutschen Massenhersteller mit Einbußen rechnen. Das erklärt, weshalb seit kurzem auch VW-Chef Hahn öffentlich die Schutzforderungen der französischen Industrie unterstützt.

Nicht so Helmut Haussmann. Der bundesdeutsche Wirtschaftsminister wartete in Brüssel erneut mit seinen lehrbuchartigen Standardformeln über die Tugenden des freien Wettbewerbs auf. Doch seine Haltung ist nicht nur wegen der Trittbrettfahrer-Profite der deutschen Hersteller unglaubwürdig. Auch bei der Ausgestaltung der europäischen Marktöffnung ist man in Bonn bereit, von den hehren Prinzipien des Freihandels abzuweichen. Statt eines völlig freien Marktes von 1993 an soll es ein vornehm "Außensteuerung" genanntes japanisches Lieferkartell geben. Unter der Fuchtel des Industrieministeriums MITI würden dann die Hersteller aus Fernost selber darauf achten, daß nicht mehr Autos auf den europäischen Markt gelangen, als die Regierungen wünschen. Das heißt im Klartext ein auf jährlich maximal einen Prozentpunkt beschränkter Zuwachs auf den noch geschützten Märkten während der Übergangszeit. "Monitoring" lautet der offizielle Euphemismus für die verkappte Protektion. Bonns einzige Bedingung: Der deutsche Markt dürfe nicht weniger offen sein als vorher.

Haussmanns doppelbödiger Liberalismus trieb Edith Cresson auf die Barrikaden. "Man weiß doch, daß die Deutschen nicht mehr als fünfzehn Prozent japanische Autos akzeptieren. Wenn der deutsche Markt nach 1993 völlig offen sein soll, werden die zusätzlich hereinkommenden Autos nicht in Deutschland bleiben, das ist klar. Was wir brauchen, sind deshalb regionale Quoten, die auch die europäische Produktion der Japaner einbeziehen." Dies aber will Bonn – noch – nicht akzeptieren. Nur für die Autos aus Fernost soll die Selbstbeschränkung gelten, nicht für die in der EG hergestellten und erst recht nicht für Japaner made in USA. Denn in diesem Falle würde ein transatlantischer Handelskrieg drohen.

Um Ärger mit den Amerikanern zu vermeiden, hat Frankreich in diesem Punkt inzwischen eingelenkt. Bis vor kurzem forderte die französische Regierung nämlich noch gemeinsam mit der italienischen, alle Standorte der japanischen Unternehmen müßten dem Monitoring unterliegen. Anfang der Woche gab Frau Cresson ihren Schwenk bekannt. Es gehe nur um Autos aus Fernost und die japanischen Fabriken in der EG. Denn: "Es ist gerade die Strategie der Japaner, uns Europäer gegen die Amerikaner aufzuhetzen."