Ich und die Stadt“ heißt eines der frühen Gemälde des Expressionisten Ludwig Meidner, in dem die Häuser über dem Selbstbildnis des Malers zusammenstürzen. Das Bild entstand 1913, aber es scheint wie stellvertretend für die Biographie dieses Künstlers. Im Jahr 1884 war er in einer schlesischen Kleinstadt geboren worden, kam 1905 nach Berlin, wo er mit seinen apokalyptischen Stadtlandschaften schnell bekannt wurde. 1935 mußte er Deutschland als verfemter Künstler verlassen und fand, nach dem Krieg zurückgekehrt, den künstlerischen Anschluß nicht wieder.

Neun zum Teil doppelseitig gemalte Gemälde und rund zwanzig graphische Blätter sind gegenwärtig in der Berlinischen Galerie versammelt und führen einen scheinbar in sich geschlossenen Themenkomplex in einer sehr kleinen und sehr sehenswerten Ausstellung vor. Im County Museum in Los Angeles zusammengestellt, einem amerikanischen Zentrum des deutschen Expressionismus, enthält sie allerdings nicht alle Bilder der Stadt-Apokalypsen. Und alle ausgestellten Bilder sind, dem Thema zum Trotz, auch keine apokalyptischen Landschaften. Im Gegenteil. Sehr genau gilt es zwischen Berliner Stadtlandschaften zu unterscheiden, die ehemals „Bahnhof Halensee“ oder „Spreehafen Berlin“ hießen. In ihnen hat Meidner die formalen Mittel Robert Delaunays umgedeutet in eine zuckende, von Torsionen entstellte Stadtarchitektur, die mit ihren instabilen Gebäuden allerdings ein psychologisches Zeitportrait zu geben versteht. Erst viele Jahre später hat er, wie um seine prophetische Sicht auf die Zukunft rückwirkend zu unterstreichen, auch diesen Stadtansichten den Titel apokalyptischer Landschaften verliehen. Demgegenüber stehen im Frühwerk die biblischen Visionen vom Weltuntergang mit Blitz und Donner, mit Feuer und Sturm, die vom Himmel fahren und Stadt und Land verwüsten. Die wesentlichen Unterschiede der beiden Bildgattungen sind allerdings in Katalog und Ausstellung unterschlagen.

Am Ende steht das monochrome Bild „Der jüngste Tag“, in dem, sich Erdspalten öffnen und die Toten vor den rauchenden Resten ihrer Stadt ihrem allerletzten Ende entgegensehen. „Ich malte Tag und Nacht meine Bedrängnisse mir vom Leib, Jüngste Gerichte, Weltuntergänge und Totenschädelgehänge, denn in jenen Tagen warf zähnefletschend das große Weltengewitter schon einen grellgelben Schatten auf meine winselnde Pinselhand“, schrieb Meidner über diese Zeit, in der er sich die Angst vom Leibe malte und dadurch überlebte. (Berlinische Galerie im Gropiusbau bis zum 8. April; Katalog 32 Mark)

Barbara Gaehtgens